Venedig: Überraschung auf dem Lido
May el-Toukhy. Foto: Andrea Avezzù / La Biennale di Venezia
Überraschung bei den Filmfestspielen Venedig: »Kvinde, ukendt« gewinnt den Goldenen Löwen und Mathilde Arcel den Darstellerinnenpreis. Der hoch gehandelte Dokumentarfilm »NAZA« erhält nur einen Spezialpreis
Für Überraschungen sind die Wettbewerbs-Jurys in Venedig immer gut. Die in diesem Jahr von der US-Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal geführte stellte da keine Ausnahme dar. Anders als im vergangenen Jahr ging der Goldene Löwe mit »Kvinde, ukendt« (Woman Unknown) nun immerhin an einen Film, der schon seit Tagen zum erweiterten Kreis der Mitfavoriten gehört hatte. Doch dass das Werk der dänischen Regisseurin May el-Toukhy am Ende nicht nur den Darstellerinnen-, sondern eben auch den Hauptpreis gewann, kam doch unerwartet. Zumal für den von vielen als unumgänglich geltenden Dokumentarfilm »NAZA« damit nur ein Sonderpreis blieb.
Nicht dass mit »Kvinde, ukendt« nicht ein bemerkenswerter Film gewonnen hätte. El-Toukhy widmet sich – wie es in diesem Jahr bereits zahlreiche europäische Filme getan haben – den 1940er Jahren. In diesem Fall geht es konkret um die Wunden, die in Dänemark offen klaffen, nachdem die Besatzung durch die Nazis endlich vorüber war. Einerseits kann man gar nicht schnell genug die Vergangenheit hinter sich lassen und in eine bessere Zukunft aufbrechen. Andererseits gilt es, dafür zunächst einmal aufzuräumen unter denen, die mitgelaufen waren und dem Feind geholfen hatten. Auch in Kopenhagen heißt das immer wieder: Statt echter, tiefsitzender Kollaboration auf den Grund zu gehen, beschuldigt man lieber Frauen, die sich mit Deutschen eingelassen haben, schert ihnen auf offener Straße und vor johlenden Schaulustigen den Kopf und demütigt sie mit Hakenkreuzen auf ihrer nackten Haut.
El-Toukhy inszeniert ihre Geschichte als Historiendrama über Schuld und Scham mit nicht nur visuellen Anklängen an Hitchcock-Thriller wie »Rebecca«, ganz konzentriert auf ihre Protagonistin (und deren Körperlichkeit), eine junge Hausangestellte, die ihren verwitweten Arbeitgeber heiraten und seiner Tochter eine Ersatzmutter sein soll, aber gleichzeitig immer wieder davon eingeholt zu werden droht, was sie selbst getan hat, um das eigene Überleben zu sichern. »Kvinde, ukendt« ist gleichzeitig zurückgenommen und elegant gefilmt, stark darin, das Unterdrückte genauso spürbar zu machen wie den Akt des Unterdrückens, und dabei doch ein wütender Film, der aufrüttelt. Hauptdarstellerin Mathilde Arcel gelingt dieser Balanceakt mit unglaublicher Nuanciertheit, und es erstaunt nicht, dass sie dafür die Coppa Volpi als Beste Schauspielerin gewann. Dass »Kvinde, ukendt« anschließend am Samstagabend auf dem Lido auch noch den Goldenen Löwen erhielt – eine Preisdopplung, die das Regelwerk nur in Ausnahmefällen ermöglicht – ist Ausdruck der einhelligen Begeisterung, die die Jury für diesen einzigen allein von einer Frau inszenierten Film im Wettbewerb empfunden haben muss.
Auch »NAZA« hatte eine Regisseurin: Wie schon bei »No Other Land« gehörte Rachel Szor zum Regieteam von Oscar-Gewinner Yuval Abraham. Der neue Dokumentarfilm dieser israelischen Filmemacher war erst kurz vor Ende zu sehen und hatte das Festival und seine Gäste erschüttert wie kein anderer. Zwei Dutzend anonyme israelische Geheimdienst- und Militärmitarbeiter*innen geben tiefe, meist schwer erträgliche und teilweise von Selbstzweifeln und Reue gezeichnete Einblicke in die Operationen, mit denen Israels Regierung in Palästina nicht nur gegen die Hamas, sondern systematisch auch gegen die Zivilbevölkerung vorgeht. Mehr investigativer Journalismus als Kinokunst, aber doch auch visuell gelungen umgesetzt, ist »NAZA« ein Film, an dessen Dringlichkeit, fernab von Propaganda, eigentlich kein Weg vorbeiführt (ab dem 1.10. ist er in deutschen Kinos zu sehen). Dass er in Venedig nun lediglich einen Spezialpreis der Jury bekam, könnte auch Ausdruck einer gewissen Angst sein, der Goldene Löwe hätte nicht nur als Plädoyer für die Menschlichkeit, sondern auch als politische Parteinahme wahrgenommen werden können.
Davon abgesehen wurden zum Ende der 83. Filmfestspiele von Venedig fast alle Filme ausgezeichnet, die aus dem diesjährigen, insgesamt künstlerisch nicht überragenden Wettbewerb als die besten herausgestochen waren. Lee Chang-dongs »Possible Love«, ein fast dreistündiges, so ruhiges wie feinsinniges Gesellschafts- und Ehedrama, erhielt den Großen Jurypreis, während Ilja Chrschanowski den Regiepreis für den neuesten Teil des nicht unumstrittenen Großprojekts »DAU« bekam. Die von manchen Seiten mitunter geäußerten Bedenken an den Arbeitsbedingungen unter Chrschanowski oder seiner für manche nicht hinreichenden Distanzierung von Putins Regierung (der russische Filmemacher lebt im Exil und hat seine Staatsbürgerschaft 2024 aufgegeben) spielten für die Jury offenkundig keine Rolle.
Anders als bereits 2017 und 2022 für seine vorangegangenen Filme erhielt der Ire Martin McDonagh dieses Mal in Venedig nicht den Preis für das beste Drehbuch (der ging stattdessen an »Un bon petit soldat«, ein Workplace-Drama von Stéphane Brizé). Sein neuer Film »Wild Horse Nine«, der meisterlich schwarzen Humor mit einer tiefen, manchmal nihilistischen Melancholie vereint, wie so viele Filme auf dem Lido in diesem Jahr das Thema Schuld verhandelt und das Ganze vor internationalen CIA-Verstrickungen in den 1970er Jahren und der Schönheit der Osterinsel ausbreitet, ging dennoch nicht leer aus. John Malkovich, der darin als unheilbar kranker Geheimagent auf die eigene Vergangenheit blickt, wurde mit der Coppa Volpi als bester Schauspieler ausgezeichnet. Damit empfiehlt sich der Amerikaner bereits jetzt als ein Mitfavorit für die kommende Oscar-Verleihung. Die Chancen, dass dort dann auch »Kvinde, ukendt« für eine Nominierung infrage kommt, stehen gut: Auf der Shortlist für Dänemarks Oscar-Kandidaten, der am 25. September bekannt gegeben wird, steht May el-Toukhys Film bereits.






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