Kritik zu Biermann
Jens Meurer erzählt in seinem Dokumentarfilm vom Leben Wolf Biermanns und gestaltet dies vor allem als eine große Hommage an den berühmten Liedermacher.
Man kann schon sagen, dass Wolf Biermann eine Ikone ist: eine Ikone des Widerstands – in Form von scharfzüngig formulierten Liedern und Gedichten – gegen die Bürokraten in der DDR, jene, die ihn 1976 ausbürgerten und damit eine Protestwelle auslösten. Das legendäre Konzert in Köln, das damals als Anlass und Rechtfertigung diente, jährt sich in diesem Herbst zum 50. Mal. Biermann selbst, der am 15. November auf neunzig Lebensjahre zurückblicken kann, ist präsent in Form von neuen Publikationen, Tonträgern und Konzertauftritten. Kann man da einen Dokumentarfilm erwarten, der mehr ist als ein Geburtstagsgeschenk, das dem Jubilar durchgängig huldigt? Vermutlich nicht.
Jens Meurer (zuletzt mit »Seaside Special« im Kino) erzählt Biermanns Lebensgeschichte weitgehend chronologisch, fügt aber immer wieder aktuelleres Material ein, von Konzertauftritten, darunter auch solche, bei denen andere Musiker, darunter Die Toten Hosen, Biermann-Lieder vortragen. Ein Leben, eng verflochten mit der Zeitgeschichte: Seinen Vater hat Biermann nur als kleiner Junge bei einem Gefängnisbesuch mit seiner Mutter gesehen, 1943 wurde der Werftarbeiter als KPD-Aktivist und Jude in Auschwitz ermordet. Als Sechzehnjähriger siedelt Wolf Biermann 1953 aus Hamburg in die DDR über, sein Wunsch, Theaterregisseur zu werden, erfüllt sich nicht, sein Bühnenstück (das den Mauerbau verteidigt) bringt es nicht zur Premiere – das erste von vielen Verboten.
Eindringlich, mit galligem Humor, beschreibt Biermann die Observierungen durch die Staatssicherheit und deren Schikane. Biermann, den Armin Mueller-Stahl (als einer der wenigen befreundeten Zeitzeugen, die im Film zu Wort kommen) einen »sichtbaren Egomanen« nennt, verfügt auch heute noch über eine eindrucksvolle Präsenz. Dass er vor Kontroversen nicht zurückschreckt, zeigt sich auch, wenn er seine Zuhörer bei Konzerten in der DDR kurz nach der Maueröffnung für ihre »Feigheit« attackiert. Was er allerdings am Ende mit dem Motto »Nur wer sich ändert, bleibt sich treu« rechtfertigt (seine Abkehr auch vom Kommunismus als Utopie, seine Hinwendung zur CDU). Dazu hätte ich mir Nachfragen gewünscht. Wie lebt einer, dessen Texte sich aus der Opposition gegen ein System speisten, in einem anderen System weiter? Überhaupt wird die Zeit nach seiner Ausbürgerung bis heute höchst verknappt behandelt.
Einmal erfahren wir, er ist Vater von zehn Kindern, das erste zeugte er mit 20 Jahren, das letzte mit 60 – was ist mit den Frauen dazu? Die erste, Brigitte Soubeyran, habe ihn auf die Idee gebracht, Lieder und Gedichte zu schreiben, sagt er. Das ist schon fast alles über sieben gemeinsame Jahre. Ziemlich präsent dagegen ist seine jetzige Ehefrau Pamela, die im Nachspann auch als Co-Autorin genannt wird. Ist das Verhältnis zu seinen Kindern wirklich so harmonisch, wie es die Szene mit Kindern und Enkelkindern suggeriert? Was ist etwa mit seiner Tochter Marie, die 2011 ein Album mit seinen Liedern aufgenommen hat? Fragen, die der Film nicht stellt, was am Ende einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.









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