Kritik zu Fallende Blätter

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Schweigsame Figuren und ein entzückender Hund: Aki Kaurismäki kehrt mit seiner Liebesgeschichte zwischen der Supermarktkassiererin Ansa und dem trinkenden Bauarbeiter Holappa unter anderem zu den Themen seiner »Proletarischen Trilogie« aus den 80er-Jahren zurück

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Dass Aki Kaurismäki sich noch einmal mit einem neuen Film zurückmelden würde, war keineswegs ausgemacht. Sechs Jahre ist es her, dass er auf der Berlinale »Die andere Seite der Hoffnung« präsentiert hatte. Damals hörte man aus seinem Umfeld, dass es sich womöglich um den letzten Film jenes Mannes handeln könnte, der lange der Einzige war, der international die Flagge des finnischen Kinos hochhielt. Nun meldet sich der inzwischen 66-Jährige doch noch einmal zurück – und legt mit »Fallende Blätter«, der zur Weltpremiere in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, seinen 20. Spielfilm vor.

Wo beim letzten Mal – fast ein wenig überraschend – die Tagespolitik Einzug in Kaurismäkis Welt hielt und er einen syrischen Geflüchteten ins Zentrum seiner Geschichte rückte, zieht er sich dieses Mal wieder etwas mehr ins Private zurück. Nicht dass »Fallende Blätter« komplett unpolitisch wäre: Wann immer hier jemand das Radio einschaltet, wird über Entwicklungen aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine berichtet. Ganz zu schweigen davon, dass der Film als eine Art Addendum zur 1990 abgeschlossenen »Proletarischen Trilogie« angepriesen wird und das Geschehen auf der Leinwand keinen Zweifel daran lässt, dass die Arbeitsbedingungen seiner beiden Hauptfiguren den Regisseur alles andere als begeistern.

In erster Linie allerdings ist »Fallende Blätter« eine ebenso entzückende wie melancholische (und mit 80 Minuten Laufzeit erfrischend kurze) Liebesgeschichte, nicht mehr und nicht weniger. Die Wege zweier einsamer Seelen kreuzen sich in Helsinki: Ansa (Alma Pöysti), die ihren Supermarkt-Job verliert, weil sie einen abgelaufenen Joghurt mit nach Hause nimmt, und Holappa (Jussi Vatanen), der auf dem Bau arbeitet und meist schon dort den einen oder anderen Drink intus hat. Man trifft sich in einer Karaoke-Bar, wo Rock 'n' Roll genauso gesungen wird wie Schubert-Lieder und die »Nicht rauchen«-Schilder so gar niemanden interessieren. Doch ihr tatsächliches Zueinanderfinden wird durch verschiedenste, mal größere, mal kleinere Faktoren erschwert, von denen die Tatsache, dass Ansa erst einmal einen zweiten Teller kaufen muss, bevor sie Holappa zum Abendessen einladen kann, noch der am leichtesten überwindbare ist. 

Davon, dass Kaurismäki sich mit dieser Geschichte auf die alten Tage noch einmal neu erfindet, kann natürlich keine Rede sein. »Fallende Blätter« bietet genau das, was man von seinen Filmen kennt und erwartet. Schweigsame Figuren und ein entzückender Hund, dazu eine Atmosphäre, die von abendlicher Dunkelheit sowie vor allem dem Spiel mit Licht und Schatten in den Bildern von Kameramann Timo Salminen lebt, die Zeitlosigkeit der Retro-Ausstattung und der trockene, aber nie verbitterte oder zynische Humor des großen Kino-Humanisten – all das ist nicht neu, wenn man Kaurismäkis Welt schon einmal betreten hat. Doch gerade aus der Vertrautheit entwickelt dieser Film einen Großteil seines liebevollen, mitunter fast in Feelgood-Gefilde strebenden Charmes.

Bloß ein lauer, altersmilder Aufguss von Altbewährtem ist trotzdem nicht dabei herausgekommen, und dass nicht nur, weil hier doch tatsächlich mal ein Laptop im Bild zu sehen ist oder besagte Ukraine-Verweise unverhohlen daran erinnern, dass diese Geschichte im Hier und Jetzt spielt. Auch sonst beweist Kaurismäki, dass er bei allen nostalgischen Anwandlungen durchaus mit der Zeit zu gehen weiß: Mit Pöysti (»Tove«) und Vatanen (»Helden des Polarkreises«) setzt er auf neue, nicht nur in Finnland angesagte Schauspieler*innen, der Gastauftritt des Elektropop-Duos Maustetytöt hat geradezu Hipster-Kultpotenzial und die augenzwinkernde Verneigung für den geschätzten Kollegen Jim Jarmusch und dessen bislang letzten Film »The Dead Don't Die« ist hinreißend. Am Ende hat er einem mit »Fallende Blätter« auf zarte, tragikomische Weise das Herz gewärmt – und man hofft doch, dass auch dieser Film nicht sein letzter gewesen sein wird.

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Kommentare

der Film ist in seinem Purismus hinreissend und kurzweilig!

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