Cannes-Blog

Barbara Schweizerhof

Nach der Preisverleihung herrschte Katerstimmung: Die elf Tage dieser 69. Ausgabe der Filmfestspiele von Cannes waren in einem Rausch mit selten intensiven Höhen und Tiefen vergangen, bei dem sich Beifallstürme für einzelne Filme mit Buhrufen für andere abgewechselt hatten. Dieses Auf und Ab der Gefühle brach die Preisverleihung wie mit kalter Dusche ab.

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Bei den Buchmachern steht sie auf Platz 1: Die deutsche Regisseurin Maren Ade mit ihrem Film »Toni Erdmann« gilt als Topfavoritin, wenn am Sonntagabend in Cannes die Goldene Palme verliehen wird. Die Begeisterung über die ungewöhnliche Vater-Tochter-Komödie hat sich bis zum Schluss gehalten, obwohl der Film bereits in den ersten Tagen dieses 69. Festivals von Cannes gezeigt wurde.

Barbara Schweizerhof

Für die Tage des Filmfestivals dreht sich in Cannes alles um den Roten Teppich. Wenn ihn nicht gerade Stars und Profifotografen besetzt halten, knipsen sich die Filmfans und Touristen selbst, nur weil hier vor kurzem noch Julia Roberts war. Fotografiert werden aber auch unbekannte Gesichter, es reicht, wenn sie in Abendgarderobe erscheinen, schließlich könnte es ja sein, dass es sich um einen Star von morgen handelt. Und genau auf das gründet das Ökosystem des Filmfestivals: die Promikultur verhilft mit ihrem Klatsch und Glamour den – noch – nicht berühmten Künstlern zur Sichtbarkeit.

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Das hat es noch nicht gegeben: Mit einer Durchschnittsbewertung von 3,8 (von höchstmöglichen 4,0) bricht Maren Ades Wettbewerbsbeitrag »Toni Erdmann« den Rekord: Noch nie, seit das britische Branchenmagazin »Screen International« seine Kritikerumfrage zum Festival veröffentlicht, erreichte ein Film eine so hohe Wertung.

Barbara Schweizerhof

Das Aufatmen war groß, als im April bekannt wurde, dass mit Maren Ade nach langen Jahren endlich wieder ein deutsches Regietalent im Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten sein würde. Chancen auf eine Auszeichnung rechnete man sich kaum aus; das bloße Dabeisein galt erst mal als genug. Doch nun ist Ade etwas gelungen, von dem jeder Filmemacher und jedes Filmland träumt: Sie hat mit ihrem Vater-Tochter-Drama »Toni Erdmann« Cannes im Sturm erobert.

Barbara Schweizerhof

Mit George Clooney und Julia Roberts in den Hauptrollen zählt »Money Monster« zu den Filmen mit größtem Glamour-Faktor des 69. Filmfestivals von Cannes. Verstärkt dadurch, dass Regisseurin Jodie Foster vor vierzig Jahren hier mit der Goldenen Palme für »Taxi Driver« der Welt als Kinderstar bekannt wurde. Ihr vierter Spielfilm als Regisseurin greift mit dem Thema Journalismus statt Unterhaltung eines der wichtigsten Probleme der Gegenwart auf.

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Mit 69 drängt sich die Frage, ob man noch etwas bedeutet in der Welt, wie selbstverständlich auf, umso mehr wenn es sich um ein Filmfestival handelt. Dass Cannes in diesem Jahr ausgerechnet Woody Allens »Café Society« zum Eröffnungsfilm wählte, wirkt in diesem Zusammenhang wie ein Zeichen. So unterschiedlich die Filme des mittlerweile 80-Jährigen in den letzten Jahren aufgenommen wurden, so stetig bleibt Woody Allen dabei, jedes Jahr einen Film zu liefern. Und dabei gelingt es ihm auch noch, eine gewisse Unberechenbarkeit zu erhalten.

Barbara Schweizerhof

Es gibt eine Klage, die in diesem Mai an der Côte d'Azur endlich einmal nicht zu hören sein wird: die Klage darüber, dass es wieder kein deutscher Film in den Wettbewerb des berühmtesten Filmfestivals der Welt geschafft habe.

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Ist es ein Widerspruch, dass einerseits das Filmprogramm in Cannes so viel interessanter und ja, »besser« ist als auf den anderen Festivals, und dass es andererseits immer wieder die gleichen Namen sind? Cannes 2015 – das war erneut ein Wettbewerb voller Filme, die die Tugenden des  Autorenkinos in seiner besten Form verkörpern, mit lauter Regisseuren, die entweder zum festen Stamm des Internationalen Kunst- und Independentkinos gehören oder aus dem warmen Nest des westeuropäischen Fördersystems stammen.

Barbara Schweizerhof

Aufregung ist die eigentliche Währung eines Festivals. Auf dieser Skala lässt Cannes alle seine Konkurrenten schon von Tag Eins an weit hinter sich. Nirgendwo ist die Aufregung bereits als Basiswert größer und dann reicht es im Grunde schon, wenn ein Film einmal statt nur Applaus wenigstens auch ein par Buh-Rufe ernet. Voilà, schon hat das Festival seine Kontroverse. Buhs und Bravos gab es bei Paolo Sorrentinos »Youth«, aber die Rhapsodie des Italieners über Alter und Tod deshalb kontrovers zu nennen, wäre übertrieben.