Interview: Valérie Lemercier über »Ein Glücksfall«

Komik kommt aus zu viel Ehrlichkeit
Valérie Lemercier © Giorgio Zucchiatti

Valérie Lemercier © Giorgio Zucchiatti

Ihre bekannteste Rolle ist zweifellos die an der Seite von Jean Reno und Christian Clavier in »Die Besucher« (1993). Die großartige Komödiantin, 1964 geboren, führt seit vielen Jahren auch gelegentlich selbst Regie. Zuletzt verwirklichte sie mit »Aline – The Voice of Love«, einem fiktiven Biopic zu Céline Dion mit sich selbst in der Hauptrolle, ein Herzensprojekt

Madame Lemercier, wie kam Woody Allen darauf, Sie in seinem neuen Film »Ein Glücksfall« zu besetzen?

Valérie Lemercier: Wer ihm von mir erzählt hat, wüsste ich auch gern. Ich weiß nur, dass ich eines Tages einen Brief von ihm bekam, in dem er fragte, ob ich nicht Lust hätte, die Rolle der Mutter in »Ein Glücksfall« zu übernehmen. Er schrieb auch, es sei nicht schlimm, wenn mir die Figur nicht gefalle, dann könnten wir gern beim nächsten Film eine Kollaboration in Betracht ziehen. Aber er sei, gab er zu bedenken, auch schon 86 Jahre alt, deswegen könne er nicht versprechen, dass es ein nächstes Mal überhaupt noch gibt. Das gefiel mir. Ich hatte, nachdem ich das Drehbuch bekommen hatte, drei Stunden Zeit zum Lesen, während vor der Tür jemand wartete, um das Skript wieder mitzunehmen. Und dann musste ich auch direkt zu- oder absagen. Aber die Entscheidung fiel mir nicht schwer.

Weil Sie ein Fan seines Oeuvres sind?

Oh ja, ich habe Woody Allen schon immer bewundert. Witzig sein, das ist für mich das Größte, ob es nun um Filme geht oder um Menschen. Und darin ist Woody eine Klasse für sich. Gleichzeitig ist er unglaublich bescheiden und unprätentiös. Jemand, der die einfachen Dinge liebt: spazieren gehen, lesen, arbeiten und eben seine Mitmenschen zum Lachen bringen. Für mich ist er jemand, der Meisterwerke der Kinogeschichte geschaffen hat, aber ihm selbst würde man das nie anmerken.

Haben Sie einen Lieblingsfilm von Allen?

»Verbrechen und andere Kleinigkeiten« liebe ich sehr. Und »Eine andere Frau« mit Gena Rowlands, denn die Psychoanalyse fand ich immer schon sehr spannend. Hätte ich vielleicht auch mal probieren sollen. Außerdem gefällt mir »Manhattan Murder Mystery«. Der ist einfach wunderbar komisch. Und wer von uns ist nicht neugierig, was die Nachbarn so alles treiben?

Seitdem im Zuge der #MeToo-Bewegung seine Adoptivtochter Dylan die Missbrauchsvorwürfe gegen Allen wiederholt hat, wollen vor allem in den USA viele Schauspieler*innen nicht mehr mit ihm drehen. Sie hatten diesbezüglich keine Bedenken?

Nein, denn ich stehe schließlich nicht über der US-Justiz. Es gab in dieser Sache in zwei Bundesstaaten Untersuchungen, und in beiden Fällen kam man zu dem Schluss, dass er unschuldig ist. Wieso sollte ich mich darüber hinwegsetzen oder diese Urteile anzweifeln? Dass ihn nun Jahrzehnte später Menschen – darunter einige sehr kluge – ohne juristische Grundlage öffentlich verurteilen und es sich gedanklich etwas zu leicht machen, finde ich reichlich irritierend. Deswegen bin ich froh, dass er einen Weg gefunden hat, in Frankreich trotzdem weiterarbeiten zu können. 

Wie war denn dann die Arbeit mit ihm? Er berichtet ja immer, dass er seinem Ensemble eigentlich null Anweisungen gibt und jeden einfach seine Arbeit machen lässt . . .

Das hat er zu uns am Anfang auch gesagt, aber so ganz stimmte das dann doch nicht. Einige, die schon lange mit ihm arbeiten, haben mir erzählt, dass er noch nie so viel mit seinen Schauspieler*innen gesprochen hat wie bei der Arbeit an »Ein Glücksfall«. Zwischen den Takes kam er immer wieder, um Neues vorzuschlagen oder Dinge zu erklären und zu korrigieren. Dafür hat er sich richtig Zeit genommen. Ob das damit zu tun hatte, dass wir Französinnen und Franzosen waren und deswegen die Kommunikation eine andere war? Oder wir womöglich schlechter sind als die Kolleg*innen in den USA? Keine Ahnung. Aber ich war dafür dankbar, denn ich als Schauspielerin brauche Regieanweisungen, um zu wissen, welche Vision jemand von einer Geschichte hat. In diesem Fall etwa war das Bild, das ich beim Lesen von meiner Figur hatte, ein ganz anderes als das, was Woody sich vorstellte.

Tatsächlich?

Ja, ich hatte eine kluge Frau vor Augen, die in New York lebt und viel Stil und Modebewusstsein hat. Jemand wie Diane Keaton. Aber Pustekuchen. Für Woody war sie ein eher schlichtes Gemüt, das mit Blick auf das Wohlergehen der eigenen Tochter lediglich den richtigen Instinkt hat. Fand ich natürlich schade. Doch mich mit ihm überhaupt darüber austauschen zu können, war ein Geschenk. 

Zum Abschluss noch mal kurz zu Woody Allens Humor, den Sie so gepriesen haben. Wie würden Sie seinen Witz eigentlich konkret beschreiben?

Bei ihm entsteht die Komik immer durch einen Überfluss an Ehrlichkeit. Er setzt nie auf Übertreibung, aufs Surreale oder allzu viel Kuriosität, dafür umso mehr auf Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit. Man glaubt seinen Figuren ihre Menschlichkeit, und das reicht, um witzig zu sein. Weswegen wir vor der Kamera auch gar nicht dick auftragen, sondern uns ganz auf sein Drehbuch verlassen konnten.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt