Nicole Kidman: Eine Dame mit Geheimnissen

Nicole Kidman in  »Die Verführten« (2017). © Universal Pictures

Nicole Kidman in »Die Verführten« (2017). © Universal Pictures

Gerade einmal 50 geworden, scheint Nicole Kidman immer noch produktiver, wandlungsfähiger und besser zu werden. Zwischen Blockbustern und kleinen Indie-Filmen, roten Teppichen und ihrer eigenen Produktionsfirma beweist die Australierin nebenbei auch erstaunlichen Mut zum Schrägen. Patrick Seyboth über ihre späten Filme

Cannes 2017 war ihr Festival. Gleich vier neue Werke mit Nicole Kidman liefen dort, sie wurde gefeiert und hofiert, als »Queen of Cannes« tituliert – und das bereits vor ihrer Auszeichnung mit dem Sonderpreis zum 70. Jubiläum der Filmfestspiele. Im Wettbewerb spielte sie in Yorgos Lanthimos bitterböser Satire »The Killing of a Sacred Deer« (Palme für das beste Drehbuch) eine Chirurgengattin und aufopferungsvolle Mutter und in Sofia Coppolas Bürgerkriegsdrama »The Beguiled« (Die Verführten, Palme für beste Regie) die strenge Leiterin eines Mädcheninternats in Virginia, in dem ein verwundeter Nordstaatler strandet. Außerdem war sie außer Konkurrenz als Punk-Königin Boadicea im London der 1970er in »How to Talk to Girls at Parties« und als radikale Feministin in der zweiten Staffel von »Top of the Lake« zu sehen. Regie: Jane Campion, mit der sie vor mehr als 20 Jahren »Portrait of a Lady« nach Henry James drehte – ihre erste große Charakterrolle in einem »ernsten« Arthousefilm.

Mit 50 Jahren – am 20. Juni feierte sie ihren Geburtstag – ist Nicole Kidman auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, was nicht nur deshalb bemerkenswert ist, weil sie eine Frau ist und die meisten Frauen dieses Alters in Hollywood um interessante Rollen kämpfen müssen, sondern auch, weil Kidman schon sehr lange sehr weit oben ist. Ihre Produktivität wie auch ihre Vielseitigkeit sind beeindruckend, ja einschüchternd. 77 Einträge verzeichnet ihre Filmografie bei IMDb bis jetzt, davon etwa 40 seit 2001. Nach ihren australischen Anfängen, dem ersten Durchbruch mit »Todesstille« (1989) und einigen großen, sie aber überwiegend auf nette bis durchtriebene Blondinenrollen beschränkenden Hollywoodproduktionen und einer zehnjährigen Ehe mit Tom Cruise, gefolgt von einer schmerzvollen Trennung und einer Phase der Neuorientierung, tauchte sie Anfang des neuen Jahrtausends mit ihrem fulminanten Auftritt im Musical »Moulin Rouge« aus der Versenkung auf wie Phoenix aus der Asche. Es regnete Preise, und es folgten beeindruckende Autorenfilme wie Alejandro Amenábars subtiles Geisterdrama »The Others«, Lars von Triers »Dogville« und Jonathan »Glazers Birth«. 2003 gewann sie dann den Oscar als Virginia Woolf in »The Hours« – ein Triumph, eine hochverdiente Anerkennung für eine intensive und ziemlich mutige Darstellung in dicker Maske und mit falscher Nase, bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Angeblich trug sie die Maske gelegentlich auch außerhalb des Drehs, um sich unerkannt in der Öffentlichkeit bewegen zu können –­ die Unsichtbarkeit erlebte sie als Befreiung in jener Zeit, in der sie infolge der Scheidung von Cruise mit den Schattenseiten ihrer Berühmtheit konfrontiert war. Ansonsten jedoch absolviert Nicole Kidman die roten Teppiche und Glamour-Events als strahlende Diva mit der gleichen Hingabe, mit der sie die Schauspielerei betreibt. Nebenbei widmet sie nicht wenig ihrer Zeit und Energie wohltätigen Zwecken, allem anderen gegenüber »Priorität« habe aber ihr Familienleben mit Countrysänger Keith Urban und zwei gemeinsamen Kindern. Wie sie all das unter einen Hut bringt, wie sie in scheinbar jeder Lebenslage und in jedem Lebensbereich Perfektion an den Tag legt, ist ebenfalls durchaus einschüchternd. Wie kann man so leben? Und dabei nicht wie eine verbissene Streberin wirken, sondern auch noch sympathisch und humorvoll?

Das sind zwar keine ihr filmisches Schaffen direkt betreffenden Fragen, aber Kunst und Klatsch waren bei Nicole Kidman noch nie ganz säuberlich zu trennen. Betrachtet man ihre Laufbahn, gerät man unweigerlich in ein Doppelbild, in eine ständige Überlagerung von Filmrollen und Image, die sich ineinander spiegeln, sich manchmal gegenseitig verwischen oder verzerren und oft genug überhaupt nicht in Einklang zu bringen sind. Immer wieder erscheint die Person Nicole Kidman dabei etwas bizarr. Das liegt paradoxerweise auch an ihrer Schönheit und deren Veränderungen im Laufe der Jahre. Ihre strahlend blauen Augen und die Blässe ihrer Haut zum blonden Haar – erst später häufig rot gefärbt – strahlten jenes zeitlos »Ätherische« aus, das sie für Rollen als höhere Töchter und feine Damen prädestinierte. Doch irgendwann mischte sich eine künstliche, allzu püppchenhafte Anmutung in ihre Erscheinung. Unendliche Ströme von Berichterstattung widmen sich seither Fragen um plastische Chirurgie und Botox: Hat sie oder hat sie nicht? Immer noch oder wirklich nicht mehr? Hochverdächtig scheint vor allem und wieder einmal die Nase – wenn nicht gerade Kidmans merkwürdig gespreiztes Beifallklatschen bei der Oscarverleihung ein Twitter-Gewitter auslöst. Es sind solche Episoden, die dafür sorgen, dass Nicole Kidman immer wieder etwas Befremdliches anhaftet, zusätzlich zu Widersprüchen, die sie selbst zelebriert. So fürchtet sie sich angeblich vor Schmetterlingen, geht aber gerne mit Haien tauchen.
 
Nicht widersprüchlich, aber doch auffällig zweigleisig verläuft Kidmans Filmschaffen, zwischen Hollywood-Großproduktionen und kleinen, oft auch ungewöhnlichen Independentfilmen. Mit ihrer famosen, aufwühlenden Darstellung der Alice Harford in Kubricks Ehe-Demontage »Eyes Wide Shut« – der frappierendsten Verschränkung von Film und Leben in ihrer Karriere – hat sie sich gemeinsam mit Tom Cruise vor der Kamera aus seinem Schatten und in letzter Konsequenz auch aus der Ehe mit ihm herausgespielt. Seitdem ist die Bandbreite der Filme wie ihrer Rollen immer weiter gewachsen, ebenso wie Kidmans Mut, Ungewöhnliches zu probieren und immer wieder neue Nuancen der Darstellung zu finden. Neben Glamourösem wie »Moulin Rouge« und »Australia« und episch-romantischen Stoffen wie »Unterwegs nach Cold Mountain« und »The Railway Man«, hat sie inzwischen eine ganze Reihe prominenter Frauen in Biopics gespielt. Seit Virginia Woolf in »The Hours« verkörperte sie die Fotografin Diane Arbus in »Fur« (2006), die Kriegsreporterin Martha Gellhorn in der HBO-Produktion »Hemingway & Gellhorn« (2012), Grace Kelly bzw. Gracia Patricia in »Grace of Monaco« (2014), die Abenteurerin Gertrude Bell in Werner Herzogs »Königin der Wüste« (2015) und, etwas weniger prominent, Aline Bernstein, Geliebte des Autors Thomas Wolfe, in »Genius« (2016).

»Australia« (2008). © 20th Century Fox

Selbst in scheiternden Filmen vermag Nicole Kidman faszinierende Charaktere zu erschaffen und deren Würde gegen alle künstlerischen Zumutungen zu verteidigen. In »Hemingway & Gellhorn« etwa schadet ihrer Filmfigur nicht einmal eine extrem trashige Sexszene im Bombenhagel des Spanischen Bürgerkriegs. Kidman genügen wenige Augenblicke der Rahmenhandlung – Kidman in perfekter Maske als etwa Mitte-Siebzigjährige Gellhorn erzählt direkt in die Kamera – um neue Intensität herzustellen. Meistens leistet Kidman mit ihrer Präsenz und Hingabe Erstaunliches. Man nehme etwa den Thriller mit dem (allerdings unverdient idiotischen) deutschen Titel »Ich.Darf.Nicht.Schlafen« (2014): Der Plot um eine Frau mit anterograder Amnesie, die nach einer Kopfverletzung jeden Morgen ohne jede Erinnerung erwacht und bald berechtigte Zweifel an ihrem Ehemann entwickelt, ist relativ vorhersehbar. Wie aber Kidman die Verunsicherung, Verzweiflung und Wut dieses Kampfs um die eigene Identität darstellt, ist große und bewegende Kunst.

Doch auch Talent fürs Exzentrisch-Komische bis hin zum Bitterbösen hatte sie bereits früh in ihrer Kariere in Gus Van Sants »To Die For« (1995) als ehrgeizige Fernsehmoderatorin und Soziopathin bewiesen. Den Pfaden lustvoller Überzeichnung – von stählernem Lächeln bis hin zu verzweifelter Raserei – folgte sie in den letzten Jahren etwa in Kinderbuch-Verfilmungen wie »Der goldene Kompass« als durchtriebene Mrs. Coulter oder »Paddington« als grausame Tierpräparatorin Millicent, die es auf den niedlichen Titelbären abgesehen hat. Großartig ist Kidman im Coming-of-Age-Gothic »Stoker« als Mutter von Mia Wasikowska – eine rätselhafte, zart-blasse Frau, gefangen zwischen der Trauer um ihren verstorbenen Ehemann und der Begierde nach dessen sinistrem Bruder. Park Chan-wook scheint in diesem Film genau jenen erwähnten Anschein von Künstlichkeit in Kidmans Gesicht ganz kalkuliert ins Bild zu setzen, als wolle er damit die Fremdheit dieser Mutter unterstreichen.

Ihr bislang wohl bizarrstes Werk mit ihrer schrillsten Rolle dürfte allerdings »The Paperboy« (2012) von Lee Daniels sein. Allein schon wegen der unfasslichen Mengen an Schweiß, den die Menschen in diesem in den 1960ern in Florida angesiedelten Thriller vergießen, müsste er in die Filmgeschichte eingehen. Kidman ist darin eine vulgäre Sirene mit grellblonder Perücke und dicken schwarzen Wimpern, irgendwas zwischen Sexbombe und »versauter kleiner Spinnerin«. Die Gratwanderung, diesen Charakter nicht ins Lächerliche zu ziehen, gelingt ihr auch in so erstaunlichen Szenen wie jener, in der sie John Cusack im Knast besucht und über mehrere Meter hinweg Sex mit ihm hat, oder jener, in der sie dem eben von fiesen Quallen gebissenen Zac Efron zur Linderung über den ganzen Körper und ins Gesicht pinkelt. Die Souveränität, mit der Nicole Kidman hier wie auch in anderen Filmen gewagte und freizügige Szenen absolviert und dabei auf Doubles verzichtet, ist für einen Hollywoodstar ihres Kalibers ungewöhnlich.

Spielte Kidman lange Zeit immer wieder Frauen, die in schwierigen, oft abenteuerlichen Umständen »ihren Mann stehen« müssen und über sich hinauswachsen, so hat sich in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt ihrer Rollen in Richtung von Müttern verlagert. Als australische Adoptivmutter des indischen Jungen in »Lion«, der sich nach Jahrzehnten auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern macht, war sie für den Oscar in der besten Nebenrolle nominiert. Und auch in ein paar weniger prominenten, doch großartigen Indiefilmen hat sie Mütter gespielt, etwa in Noah Baumbachs Schwestern-Tragikomödie »Margot und die Hochzeit«, in dem sie als hochneurotische Schriftstellerin mit ganz unneurotischem Sohn zum Lächeln und Wundern anregt, oder in »Rabbit Hole« (2010), von ihrer eigenen Produktionsfirma Blossom Films produziert: In der Regie von John Cameron Mitchell spielen sie und Aaron Eckhart darin ein Ehepaar, das den Unfalltod seines Kindes zu verarbeiten versucht und sich in der Trauer zu verlieren droht – ein feinsinniger, bewegender Film, der auch von haltloser Wut in der Trauer erzählt. Kidman hat etwa einen denkwürdigen Auftritt in einer Selbsthilfegruppe. Als eine ebenfalls trauernde Mutter sich selbst damit tröstet, Gott habe wohl einen neuen Engel gebraucht und deshalb ihre Tochter geholt, giftet Kidmans Becca, erbost über so billige Frömmigkeit: »Warum hat er sich dann nicht einfach selbst einen Engel gemacht? Er ist schließlich Gott! Er kann das!«

Ebenfalls von Kidman mitproduziert und ein weiteres Bravourstück ist die in diesem Frühjahr veröffentlichte HBO-Miniserie »Big Little Lies« über mehrere Mütter, ihre Männer und einige Lügen und Geheimnisse im kalifornischen Monterey. Hinter den Fassaden von Wohl- und Anstand und Sicherheit – Fahrradhelm mit Rückspiegel! – gären da die Konflikte. Kidman als von ihrem Mann immer wieder verprügelte Ehefrau, die einfach nicht den Glauben an ihre Liebe verlieren will und sich auch beim besten Willen nicht als Opfer sehen kann, liefert eine der zurückgenommensten und zugleich eindringlichsten Darstellungen ihrer langen Laufbahn.

»Ich befinde mich in einer Lebensphase, in der ich versuche, mich so frei zu entscheiden, als wäre ich 21 und würde meine Karriere gerade erst starten«, sagte Nicole Kidman in Cannes. Der Mut, mit dem sie inzwischen agiert, spricht allerdings für eine noch größere Freiheit: jene einer Künstlerin, die niemandem mehr irgendetwas beweisen muss.

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