Interview mit Jürgen Prochnow zu »Leanders letzte Reise«

Jürgen Prochnow in »Leanders letzte Reise« (2017). © Tobis Film

Jürgen Prochnow in »Leanders letzte Reise« (2017). © Tobis Film

Herr Prochnow, mit »Die dunkle Seite des Mondes«, »Kundschafter des Friedens« und jetzt »Leanders letzte Reise« haben Sie hintereinander drei Kinofilme in Deutschland gedreht, nachdem Sie lange Zeit überwiegend in US-Produktionen zu sehen waren. Kann man sagen, dass Sie wieder in Deutschland angekommen sind?

Das weiß ich nicht, das müssen Sie sagen. Aber ich bin auf jeden Fall von Los Angeles nach Berlin gezogen. Die Filme von Stefan Rick, Robert Thalheim und nun von Nick Baker-Monteys boten mir drei schöne Rollen.

Ihre Figur wirkt hier zunächst nur altersstarr, später entdeckt man andere Seiten an ihr…

Das ist ein Mensch, der ein Geheimnis in sich trägt und nie in seinem Leben in der Lage war, das mit seiner Familie zu besprechen. Die Sprachlosigkeit in seiner Familie hat auch bei seiner Tochter und seiner Enkelin Beschädigungen hinterlassen. Erst nach dem Tod seiner Frau unternimmt er endlich diese Reise, die er schon viel früher hätte machen müssen.

Die Figur, die Sie in »Leanders letzte Reise« spielen, ist um einiges älter als Sie es selber sind. War das eine ganz neue Erfahrung für Sie? Oder konnten Sie dabei auch an Ihren kurzen Auftritt in Atom Egoyans »Remember« vor zwei Jahren anknüpfen?

Ja, da habe ich einen 94jährigen gespielt. Das war ein ganz großartiger Film, wie ich finde. Als Schauspieler ist das eine Herausforderung, die ich aber gerne angenommen habe. Das ist ein großer Reiz, so eine Figur zu spielen, weil man sich eine solche Figur durch Techniken ja erarbeiten muss und kann. Ich habe von Anfang an gemerkt, diese Figur hat auch sehr viel mit mir zu tun, deshalb habe ich sofort zugesagt.

Apropos Techniken: Nick Baker-Monteys erzählte mir, bei einer sehr emotionalen Szene seien Sie in Tränen ausgebrochen. Ist das etwas, was sie produzieren können, oder waren Sie davon selber überrascht?

Das hängt einerseits mit meiner Arbeit als Schauspieler zusammen und mit Techniken, die ich gelernt habe und die in dem Augenblick, wenn ich mich mit so einer Rolle beschäftige, abrufbar sind. Das ist ein Prozess, der über Wochen durch Vorbereitung stattfindet.

Sie sagten, die Figur hat mit Ihnen tun?

Ich bin 1941 geboren, meine ersten Erinnerungen sind mit diesem Krieg verbunden, ich besitze durch meinen Vater und meinen Großvater Erinnerungen und Erzählungen, die ich vor Augen hatte – einiges habe ich in diese Erzählung eingebaut. Wir sind damals in Berlin ausgebombt worden und gingen nach Pommern, wo meine Großeltern lebten. Als dann die Russen von Osten kamen, ging es wieder zurück. Ich habe die Erinnerung, dass dieser Zug beschossen wurde, dass Sirenen heulten – die kann ich bis heute nicht hören. Mein Vater geriet später in russische Gefangenschaft. Bei den Dreharbeiten auf dem Kiewer Hauptbahnhof las ich die Abfahrten der Züge. Einer ging nach Kowel, das war der Ort wo mein Vater zweieinhalb Jahre in russischer Gefangenschaft war. In so einem Augenblick holt mich die Vergangenheit ein.

»Kundschafter des Friedens« arbeitete sehr stark mit Ihrer Präsenz, während Sie Sich hier in die Rolle des Leander hineinarbeiten mussten. Schätzen Sie beides in gleichem Maße?

Ich ziehe so etwas vor, wo ich mich mit einem Charakter auseinandersetzen muss.

Die meisten Menschen denken bei Ihrem Namen vermutlich immer noch an Wolfgang Petersens Film »Das Boot«…

Das war der Wendepunkt in meinem Leben, das hat mich nach Amerika, nach Hollywood gebracht. Kein Mensch hat daran geglaubt, ich auch nicht. Das war ein Film, der wirklich mein ganzes Leben verändert hat. Ich bin da drüben von Anfang an wahnsinnig toll aufgenommen worden, mit großem Respekt, teilweise mit Hochachtung, und von Leuten besetzt worden, von denen ich nie besetzt worden wäre, wenn ich nicht diesen Film gehabt hätte. Das war natürlich auch eine Herausforderung – plötzlich in einer anderen Sprache zu arbeiten. Ich hatte zwar dialect coaches, aber ich wusste nicht, wie klingt das.

Sind Sie im amerikanischen Film noch präsent? Haben Sie dort noch einen Agenten?

Ja, ebenso einen Business Manager. Ich habe ja auch die amerikanische Staatsangehörigkeit. Und werde auch gut versorgt von drüben Meine Rente hier ist unter der Armutsgrenze, davon könnte ich nicht leben. (lacht)

Gab es während Ihrer Zeit in den USA eigentlich noch eine Verbindung nach Deutschland?

Ich weiß, dass mir Leute in der Zeit Drehbücher geschickt haben, aber die sind nie bei mir angekommen. Das ging an meine amerikanische Agentur und landete da sofort im Papierkorb, weil es auf Deutsch war. Deshalb habe ich mir später auch wieder eine deutsche Agentin gesucht.

In »Leanders letzte Reise« geht es auch ums Altern. Haben Sie Angst vor dem Altern, in irgendeiner Form?

Eigentlich nicht. Manchmal geht es mir so, dass ich nicht auf einen Namen komme. Andere sagen, sie haben in dem Alter genau dasselbe Problem – davor habe ich ein bisschen Angst, ansonsten nicht. Im vorigen Jahr bin ich in das reife Alter von 75 gekommen, aber ich befinde mich ja noch in der Lage, einen Film wie diesen zu drehen, das ist ja nicht ohne Anstrengung, 12 Stunden am Tag, plus Maske. Das geht noch, das macht mir Spaß, die Anstrengung, die ich dafür aufbringen muss, auch selbst aufbringen will, das mache ich noch, wenn ich ein gutes Angebot bekomme. Ich bin nicht mehr so drauf, dass ich sage, ich muss jetzt alles drehen.

Zu den letzten Filmen, die Sie zuletzt gedreht haben, gehört auch Terrence Malicks »Radegund«, basierend auf dem authentischen Fall Jägerstetter. Malick ist ein sehr zurückgezogener und geheimnisvoller Mensch. Können Sie erzählen, wie der mit Ihnen gearbeitet hat?

Das war für mich auch eine Erfahrung. Ich hatte nur einen Drehtag, das war eine große Szene zusammen mit August Diehl, der die Hauptrolle spielt. Ich hatte natürlich vorher gehört, das ist einer der Götter der Regie in Amerika, der wird in den höchsten Tönen gelobt. Das war für mich sehr ungewöhnlich, um es einmal so auszudrücken: das war nur ein Tag, aber der hat eigentlich alles über den Haufen geworfen, wie ich in meinem Leben gearbeitet habe. Zum Beispiel wurde überhaupt nicht geprobt, obwohl ich sehr viel Text hatte. Ich habe das dann so versucht zu machen, wie er das haben wollte, aber das hatte mit Erfahrungen, die ich bisher in meinem Beruf gemacht habe, überhaupt nichts mehr zu tun.

Dann hoffe ich, dass wir die Szene überhaupt zu sehen bekommen!

Wer weiß. Ich habe jetzt gerade die Anweisung bekommen, einen Text noch einmal zu sprechen – vielleicht wird man den dann nur als Off-Text hören!

Demnächst wird es eine Fortsetzung von »Das Boot« als Fernsehserie geben. Sind Sie mit an Bord?

Nein, ich war ja damals schon ‚Der Alte’ – da wäre ich ja heute der Ur-Alte.

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