Kritik zu Familienfest

© NFP

2014
Original-Titel: 
Familienfest
Filmstart in Deutschland: 
15.10.2015
V: 
L: 
89 Min
FSK: 
6

Ein eitler Patriarch, ein regelrechtes Vatermonster, feiert seinen 70. Geburtstag: Lars Kraume macht aus dem bekannten Stoff ein Porträt des geistigen Klimas unserer Zeit

Bewertung: 4
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Schon der Titel weckt Erinnerungen an Thomas Vinterbergs »Das Fest«. Und das ist natürlich kein Zufall. Auch in Lars Kraumes Familiendrama feiert ein übermächtiger Patriarch seinen Geburtstag. Der hochgeschätzte Konzertpianist Hannes Westhoff (Günther Maria Halmer) wird 70. Also hat Anne (Michaela May), seine zweite Ehefrau, seine drei Söhne und seine in Paris lebende Exfrau Renate (Hannelore Elsner) nach Berlin in die Villa am See eingeladen. Nur ist diese Feier von Anfang an eine Farce.

In Kraumes zunächst fast zynischem Abgesang auf die Familie muss der Vater nicht mal mehr Kinderschänder sein, um sein Haus in eine Hölle auf Erden zu verwandeln. Westhoffs Misan­thropie und Egomanie, in denen Günther Maria Halmer regelrecht schwelgt, reichen dafür schon aus. Dieser begnadete Künstler, der sich selbst als Genie feiert, ist ein durch und durch deutsches Vatermonster. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, gehört er zwar zu der Generation, die in den 60ern gegen die Eltern und deren Verbrechen rebelliert hat. Doch längst ist er zu einem Wiedergänger seines eigenen Vaters, der allem Anschein nach ein aktiver Teil der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten war, geworden.

Unter dem Mantel der Kultur, in den Westhoff sein Leben samt seinem Vermögen gehüllt hat, versteckt sich, um ein Schlagwort der Studentenbewegung zu zitieren, immer noch der »Muff von tausend Jahren«. Die homophoben Bemerkungen, die er seinem Sohn Frederik (Barnaby Metschurat) und dessen Lebenspartner Vincent (Daniel Krauss) entgegenschleudert, sind letztlich nur ein besonders verräterisches Detail. Hinter einer großbürgerlichen Fassade gedeihen alle Arten von Ressentiments prächtig. In seinen stärksten Momenten, etwa wenn der so verzweifelt liebesbedürftige Frederik all die wertvollen Originalpartituren verbrennt, die sein Vater über Jahrzehnte gesammelt hat, schließt Kraumes Familiendämmerung an Klassiker des deutschen Kinos wie Jean-Marie Straubs Böll-Verfilmung »Nicht versöhnt« oder »Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht« an. Dann vergisst man sogar all die Klischees, von denen das Drehbuch nur so strotzt. Natürlich sind die drei Söhne, der todkranke Max (Lars Eidinger), der schwule Lehrer Frederik und der in dubiose Geschäfte verstrickte Gregor (Marc Hosemann), genauso wie Hannelore Elsners alkoholsüchtige Mutter klassische Seifenopernfiguren. Aber für Augenblicke gewinnen Kraume und Ensemble ihnen tatsächlich erschüttende Wahrheiten ab. Dann ahnt man, dass Straubs Befund, dieses ebenso kämpferische wie befreiende »Nicht versöhnt«, noch heute gilt. Es hat sich eben nicht wirklich etwas verändert seit den frühen 60er Jahren. Eine Generation hat die andere abgelöst – das war es auch schon. Nur will der Film diese bittere Erkenntnis letztlich nicht so stehen lassen. Der Tod mischt die Karten neu – und aus der Abrechnung wird ein Melodrama.

Meinung zum Thema

Kommentare

nur LARS EIDINGER besticht leider werden zuviele Klischees bedient.ebenso fehlt es an Esprit mit dem man in Frankreich ein so delikates Thema behandelt alles wirkt überzogen.leider!!! viele gute schauspieler versöhnen. .

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