Nahaufnahme von Ken Jeong

Ein Komödiant mit Doktortitel
»Hangover« (2009). © Warner Bros. Pictures

»Hangover« (2009). © Warner Bros. Pictures

Sein Slapstick-Auftritt in »Hangover« machte ihn berühmt: Ken Jeong studierte und arbeitete als Internist, bevor er sich ganz auf die Schauspielerei verlegte. In einem Hollywood, das mehr Diversität will, hat er nun gute Chancen, aus der Rollencharge des lächerlich-schroffen Asiaten herauszukommen

Seine Karriere begann, als er nackt aus einem Kofferraum sprang: Ken Jeong gehört mittlerweile zu den beliebtesten Komödien-Nebendarstellern Hollywoods, aber erst seine Rolle als kurioser Gangsterboss Mr. Chow in den erfolgreichen »Hangover«-Filmen katapultierte ihn in die A-Liga. Im ersten Teil von Regisseur Todd Phillips Bro-Comedy befindet sich eine Gruppe von Männern um die 40 auf einem Junggesellenabschied in Las Vegas. Am Tag danach ist der Kater erheblich und der Bräutigam verschwunden; ein wütendes Klopfen im Auto lässt seine verpeilten Freunde annehmen, der Gesuchte befände sich im Kofferraum. Doch stattdessen springt ihnen daraus ein splitterfasernackter Asiate entgegen, der die drei Versager mit einem Brecheisen verdrischt. »You wanna fuck on me?«, fragt er in gebrochenem Englisch, bevor er die Protagonisten niederschlägt. »Hey Mann, ich hasse Godzilla doch auch!«, versucht einer der drei noch zu beschwichtigen.

In dieser Szene wird neben Jeongs ak­robatischen Slapstick-Fähigkeiten auch die erzählerische Funktion deutlich, die Mr. Chow in den »Hangover«-Filmen erfüllt: Als zwielichtige Gestalt mit abweichender kultureller Identität unterstreicht er die ­bürgerliche, dezidiert ­weiße ­­Ignoranz der Hauptfiguren, die einen Chinesen fälschlicherweise mit dem japanischen Monster Godzilla assoziieren. Dass sich die nackte Witzfigur wenig später außerdem als gefürchteter Unterweltchef entpuppt, trägt zu dieser Charakterisierung noch bei: Nicht nur körperlich ist Chow Bradley Cooper und seinen Kumpanen überlegen – in der Halbweltstadt Las Vegas verfügt er auch über mehr Macht als die weißen Spießer aus der Vorstadt.

»Hangover« (2009). © Warner Bros. Pictures

Ken Jeong selbst spricht weder gebrochenes Englisch, noch ist er Chinese – er ist Amerikaner koreanischer Abstammung und hat über mehr als ungewöhnliche Wege zum Showbusiness gefunden. Bevor er nämlich sein Leinwanddebüt als cholerischer Arzt in Judd Apatows Schwangerschaftskomödie »Beim ersten Mal« feierte, war Jeong tatsächlich Arzt – ein Arzt mit komödiantischen Ambitionen. Sieben Jahre praktizierte der in Detroit geborene Jeong in Los Angeles als Internist; seine Frau ist ebenfalls Ärztin. Gleichzeitig aber trat der Mediziner immer wieder auch bei kleinen Stand-up-Comedyshows auf und wirkte bei Improvisationstheatergruppen mit. Wie es so wohl nur in Los Angeles passieren kann, wurde Jeong dabei entdeckt, ergatterte erste kleine Rollen in TV-Sitcoms, bis er mit Apatows Film endgültig auf den Geschmack kam. »Ich kam nach dem Dreh zurück in die Klinik und sagte meiner Sekretärin, sie solle die Patienten wegschicken und ihnen erklären, ich sei jetzt ein Filmstar!«, scherzte er in einem Interview.

Tatsächlich aber kündigte er kurz darauf seinen Job, um sich gänzlich seiner Comedy-Karriere zu widmen. »Nachdem ich neben solchen Idolen wie Seth Rogen und Jonah Hill gespielt hatte, wusste ich, dass ich weitermachen muss. Meine koreanischen Eltern sind ausgerastet; mein Vater war so stolz, als ich Arzt wurde und konnte einfach nicht fassen, dass ich diesen prestigeträchtigen Job aufgab.« Schelmisch schiebt er hinterher: »Als er den Gehaltsscheck für »Hangover« sah, änderte sich das aber wieder schlagartig.« Auch für seine kleine Rolle in Michael Bays fragwürdigem Transformers-Franchise dürfte er wohl angemessen entlohnt worden sein; selbst diesem Auftritt verleiht der Komiker durch seinen schroffen Humor aber einen gewissen Witz. Wieder darf er sich übrigens entkleiden und landet daraufhin halbnackt mit Shia LaBoeuf in einer Klokabine – kurz darauf wirft ihn ein geflügelter Roboter aus dem Fenster.

Von solchen albernen Cameos in nicht gerade geschmackssicheren Filmen finden sich einige in Jeongs Filmografie: Irgendwie gelingt es ihm aber, sich auch in Trash-Komödien wie »Der Zoowärter« und »Beilight – Bis(s)zum Abendbrot« die Sympathien nicht zu verspielen und das Beste aus seinen Szenen herauszuholen. Baldiger Kultstatus dürfte ihm so fast sicher sein.

Am wohlsten aber fühlt sich Jeong sichtbar, wenn er lange an einem verschrobenen Charakter arbeiten kann und dabei Running Gags und Markenzeichen entwickelt. Das ist ihm bisher vor allem in der mittlerweile abgesetzten Serie »Community« des »Rick and Morty«-Schöpfers Dan Harmon gelungen. Dort spielt er einen Spanischlehrer an einem zweitklassigen Community College, der sich mit überbordender Exzentrik gegen die Vorwürfe wehrt, ein Asian-American könne kein Spanisch unterrichten. Brillant etwa eine Szene, in der er in weniger als einer Minute alle gängigen Chinaklischees – von Fu Man Chu bis Bruce Lee – mit maximalem Körpereinsatz trotzig nachspielt. Seine Figur ist dabei zum heimlichen Helden der Serie avanciert – die Autoren schrieben ihn in immer extremere Szenen, von denen es einige zu viel zitierten Internet-Memes gebracht haben.

Ein wenig konventioneller geht es in der von Jeong selbst kreierten Sitcom »Dr. Ken« zu, die quasi-autobiografisch seine Zeit als Arzt nachzeichnet und ihn in bester Al-Bundy-Tradition als überforderten Familienvater darstellt. Das Spiel mit seiner koreanischen Identität nimmt auch hier einen großen Platz ein. »Dr. Ken« setzt sich mit dem nur vermeintlich positiven Klischee der besonderen Strebsamkeit und Leistungsfähigkeit amerikanischer Koreaner auseinander, ebenso wie mit dem strengen Konservatismus der Community. Das mag rein erzählerisch nicht immer überzeugen, das Talent für physische Comedy – bis hin zur klassischen Pantomime – des Hauptdarstellers und Autors aber kommt auch hier wieder zum Vorschein. Wer sich einmal von dieser Leichtfüßigkeit überzeugen will, braucht sich nur Jeongs furiosen Tanz-Auftritt in Stephen Colberts »Late Show« anzusehen.

Dass Hollywood aktuell das wirtschaftliche Potenzial von »people of colour« als HauptdarstellerInnen erkannt hat, kommt einem talentierten Künstler wie Jeong, der bisher eher in der zweiten Reihe spielte, hoffentlich zugute. Seine Nebenrolle in dem RomCom-Blockbuster »Crazy Rich«, die den typischen Culture-Clash-Konflikt diesmal zwischen Asian-Americans und superreichen Singapurern ansetzt, scheint jedenfalls in diese Richtung zu weisen.

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