Angriff der Süßtonraspler

Unsere "steile These" des Monats August
»La La Land« (2016). © Studiocanal

Zarte Klaviertöne umschmeicheln die Szene. Sanft setzen die Streicher ein, ein Glockenspiel klimpert verspielt im Hintergrund. Puh! Hört man sich einen generischen Hollywood-Filmsoundtrack der vergangenen Jahre an, gibt es ganz, ganz viel, um schmachtend dahinzuschmelzen. Man könnte aber auch sagen: in triefendem Kitsch zu ertrinken.

Schuld daran ist eine Riege von Süßtonrasplern, die für die musikalische Untermalung von gefühlt jedem Hollywood- oder hollywoodnahen Film verantwortlich zeichnen: Alexandre Desplat (»Shape of Water«, »The Danish Girl«), Danny Elfman (»Tulpenfieber«), Carter Burwell (»3 Billboards Outside Ebbing, Missouri«, »Carol«) und Thomas Newman (»Road to Perdition«, »Victoria & Abdul«) – und ja, auch Yann Tiersen hat dem Kinopublikum seinerzeit mit seinem Puppenhäuschen-Soundtrack zu »Die fabelhafte Welt der Amélie« nicht nur einen Gefallen getan. Keine Frage: Das sind alles große Komponisten. Aber wenn ihnen nichts mehr einfällt, packen sie die Klarinette aus und jagen die Cellisten durch den Tonschnitt.

Nun ist es sicher nicht so verkehrt, hochromantische Filme wie »Ein ganzes halbes Jahr« (Musik: Craig Arm­strong) mit ein wenig Extra-Emotion zu kandieren, aber warum gewinnt ein Soundtrack im Jahr 2018 noch Preise, wenn er klingt wie die Geburtstagsparty einer Disney-Prinzessin?

Ganz ohne Musik geht es ja auch nicht. Das haben die »Auralnauts« vor einigen Jahren sehr humorvoll auf YouTube bewiesen, als sie aus ikonischen Star Wars-Momenten die Musik von John Williams herausschnitten (Video unten). Es entstand eine peinliche Stille, in der jedes Klappern und Schmatzen zu hören war. Urkomisch!

Woran es mangelt, sind fetzige Scores wie der von »The Social Network«. Die Komponisten Trent Reznor (von den Nine Inch Nails) und Atticus Ross mixten damals zum Beispiel »Die Halle des Bergkönigs« von Edvard Grieg als Electro-Version neu. Oder die Chemical Brothers, die Saoirse Ronan in »Wer ist Hanna?« mit düsteren Beats durch den verlassenen Berliner Spreepark jagten. Es muss nicht immer ein Orchester sein. Genug gefiedelt. Holt den Bass raus!

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