Kritik zu Shape of Water

© 20th Century Fox

2017
Original-Titel: 
The Shape of Water
Filmstart in Deutschland: 
15.02.2018
L: 
123 Min
FSK: 
16

Die Stumme und das Biest: Guillermo del Toros neuer Film ist ein ebenso betörendes wie eigenwilliges Märchen für Erwachsene. In Venedig bereits mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, gilt er als einer der Oscarfavoriten der Saison

Bewertung: 4
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Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro nahm zwischen seinen Landsleuten Alfonso Cuarón und Alejandro González Iñárritu viele Jahre eine etwas, sagen wir: undankbare Position ein. Als Genre-Aficionado, der sich in Filmen wie »Blade 2« und »Hellboy« ausdrückt, schien er den Feuilletons nicht recht konsensfähig. »Pan's Labyrinth« (2006) bildete in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Tatsächlich ist es nicht schwierig, im Werk des Mannes all das zu finden, was den Autorentheoretiker glücklich macht: thematische Linien, stilistische Kontinuität, wiederkehrende Motive.

Seine neue Arbeit »Shape of Water« nun, ein langgehegtes Herzensprojekt, wirkt wie die Kulmination all dessen, womit del Toro sich immer wieder beschäftigte. Er erzählt darin eine Geschichte über fremdartige Kreaturen und die Kraft der Fantasie, über Einsamkeit und Selbstbehauptung, über brachiale Militärgewalt und die Poesie des Widerstands dagegen. Es geht um Tanz und schöne Künste, um Agenten, Wissenschaftler – und Putzfrauen. Inszeniert ist das alles als eine Mischung aus Märchen, Gruselfilm und Comic, voll von filmhistorischen Verweisen. Ein wildes Sammelsurium also, zusammengehalten von einem Humanismus, der kindliche und erwachsene Sensibilitäten vereint. Damit scheint del Toro einen Nerv zu treffen. Sein Triumph in Venedig 2017, wo »Shape of Water« den Goldenen Löwen erhielt, setzte sich bei diversen amerikanischen Filmpreisen 2018 fort.

Die Geschichte spielt Anfang der 60er Jahre, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Im Mittelpunkt steht Elisa (Sally Hawkins), die als Putzfrau in einem streng bewachten Wissenschaftslabor der US-Regierung arbeitet. Elisa wurde als Baby ausgesetzt, und sie ist stumm; die Ursache dafür offenbart sich erst am Ende – und dann versteht man auch, weshalb sie sich auf so magische Weise zu jener Kreatur hingezogen fühlt, die das Militär in dem Geheimlabor gefangen hält: eine Art Wassermann, verschleppt vom Amazonas. Das menschenähnliche, magisch schillernde Amphibienwesen erweist sich als vielseitige Projektionsfläche. Die Eingeborenen verehrten es als Gottheit; die US-Regierung erhofft sich von ihm einen diffusen Vorteil gegenüber den Russen; der sadistische Colonel Strickland (Michael Shannon) projiziert auf das »Monster« all seinen Hass. Und für Sally, die so viel reifer ist, als ihre kindliche Aura vermuten lässt, wird das Wesen zu einer Art Erlöserfigur, die ihre Sehnsucht nach Liebe und Ausbruch stillt.

Die Szenen, in denen sie sich der Kreatur annähert – über Gebärdensprache, Essen und Musik – sind von einer ganz eigenen Poesie. Sallys Fähigkeit zu staunen und ihr Wille zum Gefühl kontrastieren das sinnentleerte Wettstreiten zwischen Amerikanern und Russen. Die kalte Ignoranz der Militärs unterläuft sie mit der zärtlichen Sinnlichkeit ihrer Kontaktaufnahme. Die Bedeutung von Kommunikation und Mitgefühl, gerade angesichts des Fremdartigen, ist ein zentrales Thema in »Shape of Water« (was ihn mit Denis Villeneuves »Arrival« verbindet). Dazu passt auch das vielgestaltige Außenseitermotiv, denn wie der Wassermann bekommen auch Sally, ihr schwuler Freund Giles (Richard Jenkins) und ihre schwarze Kollegin Zelda (Octavia Spencer) immer wieder ihren Status als Fremdlinge in dieser Welt zu spüren.

So gelingt del Toro mit »Shape of Water« eine sehr persönliche Hommage an die »Creature-Features« der 50er Jahre, die sich nicht in Nostalgie verliert, sondern durch kleine Verschiebungen viel Modernes in den alten Geschichten entdeckt. Nicht zuletzt in den gewagt-romantischen Sexszenen zwischen Sally und dem Wassermann löst der Film auch die Grenze zwischen kindlichen und erwachsenen Fantasiewelten in bemerkenswerter Weise auf. Der Kosmos von »Shape of Water« ist märchenhaft und surreal, finster und lebensbejahend, naiv und grausam. Dabei aber nie zynisch, sondern einem präzisen moralischen Kompass folgend und von einer tief empfundenen Menschlichkeit getragen. Anders gesagt hat del Toros Film alles, was ein gutes Märchen ausmacht. Nicht nur für Erwachsene.

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