Letzte Tage im Love-Hotel – 18. japanische Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt

»The Night I Swam« (2017)

»The Night I Swam« (2017)

Mehr als hundert Filme zeigte das 18. japanische Filmfestival Nippon Connection in Frankfurt. Besonders interessant: die vielen Jugenddramen, die kompakt das Gefühl wachsenden Unbehagens inmitten des popkulturellen japanischen Glamours vermittelten

Die japanische Gesellschaft ist die älteste der Welt. Der Median, das spitzenbereinigte Durchschnittsalter, liegt hier bei 46 Jahren. In der üppigen japanischen Filmproduktion des letzten Jahres, von der man auf der Nippon Connection einen umfassenden Eindruck gewinnen konnte, scheint sich das aber nicht widerzuspiegeln:  Die gefühlte Mehrheit der über hundert Spielfilme, Animes und neuerdings Dokus erzählte von jungen Leuten. Weil sie es sind, die unter der Rückwärtsgewandtheit, dem Rechtsruck der japanischen Politik am meisten zu leiden haben? Weil ihre Zukunftsaussichten so düster sind?

Der aufregendste Film, Yoshiyuki Kishis fünfstündiges Boxerdrama »Wilderness«, beginnt in einem Jahr der Entscheidung: 2021 läuft die Amtszeit des Premiers Shinzo Abe aus, auf dessen Agenda etwa eine Revision der beispiellos pazifistischen Verfassung Japans steht. In Shinjuku, einem Großbezirk Tokios, zwischen Bürotürmen, kaiserlichem Park und einem der betriebsamsten Rotlichtviertel der Welt, explodieren Bomben, protestieren Studenten, schlagen Banden sich in den Gassen die Köpfe ein. Mittendrin: der cholerische, attraktive Shinji, der nach einer Haftstrafe in einem zum Altenheim umfunktionierten Love-Hotel arbeitet, und der schüchterne koreanischstämmige Friseur Kenji. Die beiden landen im he­runtergekommenen Gym eines Ex-Boxers. Und indem er die Geschichte ihrer Kämpfe entfaltet, ihrer flüchtigen Begegnungen und privaten Beziehungen, macht der Film gesellschaftspolitisch Inventur, spricht er von Leistungswahn und Jugendsuizid, von »Pflegenotstand«, Terror und Racket-Kapitalismus. Das alles in einer wundersamen Konstruktion aus brechtschen Distanzierungsstrategien und Melodrama, die den Intellekt und das Gefühl versöhnt.

Was »Wilderness« in Zusammenfassung lieferte, wurde von anderen, naturgemäß vorwiegend in der experimentelleren Sektion »Visions« angesiedelten Filmen gewissermaßen vertieft. In Takaomi Ogatas The Hungry Lion geht es um sexuelle Repression und Cybermobbing; Yusaku Matsumotos Noise rekonstruiert in düster glühenden Bildern die Atmosphäre des Tokioter Shopping- und Szeneviertels Akihabara im Jahr 2008, als ein Attentäter mit Lastwagen und Messer sieben Menschen tötete; das bereits auf der Berlinale gelaufene Drama »River’s Edge« von Isao Yukisada entwickelt aus dem rätselhaften Tod eines Schülers das psychologische Porträt einer verlorenen Generation. Etwas zuversichtlicher geben sich Filme wie Akihiro Todas hübsch sprunghaft erzählter The Name oder Hiroshi Andos filigraner Moon and Thunder, die vom Zerfall traditioneller Familienstrukturen auf dem Land handeln: Das Patchwork ist in Japan angekommen.

Und mit einer geradezu zenhaften Gelassenheit heftet sich »The Night I Swam« von Damien Manivel und Kohei Igarashi an die Stiefelchen eines Sechsjährigen, der sich einen Tag lang, unbemerkt und unbeachtet von den Erwachsenen, durch Japans verschneitesten Landstrich kämpft, um seinen Vater in der Fischfabrik zu besuchen. Eine Studie in Reduktion, die in kleinsten, trivialsten Handlungen die Dramatik des kindlichen Balanceakts zwischen Bedürftigkeit und Selbstermächtigung sinnfällig macht: Der Verlust eines Handschuhs kann dem mitfühlenden Zuschauer da ganz schön Sorge bereiten.

Nippon Connection mag als kleines Festival gelten, ist in seiner Sparte aber das größte, weltweit, wie es heißt. Jenseits des heimlichen Themenschwerpunkts »Jugend« maßen die Filme denn auch das ganze Spektrum der Genres, der formalen Optionen und Stimmungslagen aus: vom meditativen Künstler-Biopic »Mori, the Artist’s Habitat« am Eröffnungsabend bis zum engagierten Dokumentarfilmporträt (»Trace
of Breath
« und »Of Love & Law« wurden von der Jury gewürdigt), vom mildkomischen Frauenporträt »Oh Lucy!« mit der fantastischen Ehrenpreisträgerin Shinobu Terajima bis zum grafisch irren Streifzug durch Kyoto im Anime »The Night Is Short«, »Walk on Girl«, von den Schwertfilmklassikern der Retro bis zum durchgeknallten Zombiehorror »One Cut of the Dead«, der den Trend zum Drehen ohne Schnitt einfallsreich persifliert.

Rechnet man dann noch das Rahmenprogramm hinzu, die Vorträge und Specials – wie Jörg Buttgereits »Heimkino« mit einer Einführung ins japanische Superheldentum der 60er  –, die Suppen, Currys und das gefrostete Kirin-Bier, dann könnte man auf die Idee kommen, dass Nippon Connection  kein Filmfestival, sondern eine ganzheitliche Erfahrung ist.

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