71. Filmfestival Cannes

Gute Filme, wenig Glanz
»Summer« (Leto, 2018)

»Summer« (Leto, 2018)

Das 71. Filmfestival von Cannes: Ein herausragender Wettbewerb kann nicht verhüllen, dass es kein Konzept für eine Post-Weinstein-Ära gibt

An den Filmen jedenfalls liegt es nicht, dass am Ende die Stimmung doch gedrückt war. Das Programm hatte einmal mehr alles aufgeboten, was das Kino so hergibt: Filme, die mit Jubelovationen begrüßt wurden (Nuri Bilge Ceylans redselige Vater-Sohn-Elegie »The Wild Pear Tree« zum Beispiel) und Filme, denen scharenweise das Publikum davonlief (Yann Gonzalez' campy Schwulenporno-Horrorschocker »Knife + Heart«). Solche, über die heftig gestritten wurde (Lars von Triers »The House That Jack Built«) und solche, die völlig kaltließen (Eva Hussons kurdischer Frauenkriegsfilm »Girls of the Sun«). Es gab eine den ganzen Festivalbetrieb in Geiselhaft nehmende Blockbuster-Premiere wie »Solo: A Star Wars Story« und Vorführungen, die im Ablauf versteckt wurden wie das Cosa-Nostra-Biopic »Gotti« mit John Travolta. Kopfiges europäisches Sozialdrama (Stéphane Brizés »En Guerre«) traf auf lockerflockigen amerikanischen Agitprop (Spike Lees »BlacKkKlansman«) – und eigentlich hätte alles so schön sein können.

Aber in Cannes geht es eben nicht allein um Filme, sondern ums Filmgeschäft. Das heißt: Es geht um den »Buzz«, um Aufmerksamkeit, um Gerüchte und darum, wie das alles sich auf die Verkäufe auswirkt. Mit anderen Worten: Die Stimmung ist wichtig. Und die wurde in diesem Jahr wesentlich von anderen Dingen bestimmt als der Qualität der Wettbewerbsfilme. Bezeichnend dafür ist, dass die stärkste emotionale Reaktion diesmal nicht ein gerührter Preisträger auslöste, sondern eine Schauspielerin, die im Wettbewerb gar nicht angetreten war. Die Italienerin Asia Argento sollte während der Abschlussgala den Darstellerinnenpreis mitvergeben, feuerte aber statt einer vom Teleprompter abgelesenen Laudatio ein selbst formuliertes Statement ab, in dem sie das Festival als Harvey Weinsteins »Jagdrevier« bezeichnete, von dem sie 1997 als 21-Jährige hier vergewaltigt wurde. Das 3 000-köpfige Auditorium war hörbar schockiert ob dieser Spontaneität. Der donnernde Applaus, der auf ihre wütend direkt ins Publikum abgefeuerten Warnungen folgte, keinen der Weinstein-Beschützer und -Nachahmer mehr »davonkommen zu lassen«, klang eher so, als wollte man das Gehörte mehr übertönen als gutheißen.

Zwar sind die von Argento erhobenen Vorwürfe schon seit Beginn des Weinstein-Skandals bekannt – und werden vom Angeklagten bestritten –, trotzdem machte ihr Auftritt schlagend die unterschwelligen Spannungen deutlich, die in diesem Jahr die Festivalatmosphäre prägte. Eine Jury-Präsidentin (Cate Blanchett ist erst die 10. der Festivalgeschichte), ein »Frauen-Marsch«, der das krumme Verhältnis von 82 Regisseurinnen zu 1688 Regisseuren in 71 Jahren Cannes-Wettbewerb illustrierte und vielerlei Proklamationen gegen sexuelle Belästigung und für mehr Gleichberechtigung können nicht verdecken, dass Cannes für eine Post-Weinstein-Ära kein Konzept hat. Das Festhalten am Galaprinzip, das dem Publikum Smoking respektive Abendkleid zwingend vorschreibt, wirkt in diesem Kontext fast grotesk rückwärtsgewandt. Und dass in diesem Jahr die Pressevorführungen den Galas nachgeordnet wurden, damit ja keine bösartige Twitterbemerkung das allabendliche Jubelritual stört, machte es nicht besser.

So erfolgte die Vergabe der Palmen in verhaltenen Tönen. Verstärkt wurde der Eindruck durch eine Auswahl von Preisträgern, die darauf hindeutete, dass die neunköpfige Jury (Cate Blanchett, Léa Seydoux, Kristen Stewart, Chang Chen, Ava DuVernay, Denis Villeneuve, Robert Guédiguian, Andrey Zvyagintsev und Khadja Nin) sich jeweils eher für Kompromisslösungen denn für Leidenschaftsvoten entschieden hat.

Anders als weithin erwartet, verliehen die fünf Frauen und vier Männer die Goldene Palme eben nicht an eine Regisseurin. Jane Campions einsamer Rekord von 1993, als sie mit »The Piano« die Goldene Palme mit dem Chinesen Chen Kaige teilte, bleibt also bestehen. Stattdessen ging die höchste Auszeichnung an Hirokazu Koreeda für sein Familiendrama »Shoplifters«, in dem der japanische Meisterregisseur verblüffend komplizierte Fragen über das Wesen von Familie stellt. Da er wegen seiner verhaltenen, fein ausdifferenzierten Handschrift allzu oft schon übergangen wurde (es war sein siebtes Mal in Cannes), freuten sich trotzdem alle mit.

Aber es stand auch das Gefühl einer vertanen Chance im Raum. Als hätte die im Vorfeld wieder und wieder beschworene Erwartung – diesmal bekommt die Goldene Palme eine Frau! – den tatsächlichen Ausgang untergraben. Immerhin zeichneten Blanchett und ihre Jury-Kollegen zwei der drei im Wettbewerb angetretenen Regisseurinnen mit kleineren Preisen aus. Nadine Labaki aus dem Libanon erhielt für ihren umstrittenen Film über Kinderarmut in Beirut, »Capharnaum«, den Spezialpreis der Jury. Auf vertrauten Registern spielend folgt der Film einem ungeheuer fotogenen 12-Jährigen durch die Slums von Beirut, auf der Suche nach einem Ausweg aus seinem Elend. Hochemotional, aber in seiner Armutsromantik auch ein Stück vorhersehbar. Die Italienerin Alice Rohrwacher, die mit ihrem Neorealismusmärchen »Happy as Lazzaro« Publikum und Kritik gleichermaßen verzaubert hatte, bekam den Drehbuchpreis. Sie musste ihn allerdings teilen mit Nader Saeivar und dem in seiner Heimat Iran unter Anklage stehenden Jafar Panahi für »3 Faces«.

Viele hätten die Goldene Palme auch dem Amerikaner Spike Lee und seiner wunderbar bösen Satire über einen Afroamerikaner, der den Klu Klux Klan unterwandert, »BlacKkKlansman«, verliehen. Mit Tempo und viel Humor war »BlacKkKlansman« bei weitem der unterhaltsamste Film des Wettbewerbs – über die Auszeichnung mit dem Grandprix zeigte sich Spike Lee, der nach 19 Jahren erstmals wieder in Cannes zurück war, trotzdem sehr bewegt. Ansonsten zeigte die Jury die auf Festivals übliche Vorliebe für das miserabelistische Kino, das Armut, Gewalt und Unterdrückung in der Welt illustriert. So gingen beide Darstellerpreise an Außenseiter, die ein solches Milieu authentisch verkörpern: Die Kasachin Samal Yeslyamova spielt in Sergey Dvortsevoys »Ayka« eine ausgebeutete, illegale Migrantin, die ihr Neugeborenes aufgeben muss. Der Italiener Marcello Fonte stellt in »Dogman« einen schüchternen, von den lokalen Schlägern ausgebeuteten Hundesalonbetreiber dar, der eines Tages gegen seinen Demütiger aufbegehrt.

Die Palme für den besten Regisseur ging an den Polen Pawel Pawlikowski für seine schicksalshafte Liebesgeschichte »Cold War«, gefilmt in elegischem, hocheleganten Schwarzweiß. Und dann gab es noch eine Goldene Palme, allerdings außerhalb der Kategorien, so hatte es sich die Jury von Festivaldirektor Thierry Frémaux erbeten. Sie ging an den 87-jährigen Altmeister Jean-Luc Godard und sein experimentelles Videoessay »Le livre d'image«, in dem Godard in raunender Weise über die Mittel des Films und das Schicksal der »arabischen Welt« reflektiert.

Immerhin, der als »Risiko« beschriebene Schritt von Festivaldirektor Thierry Frémaux, den Wettbewerb mit seinen etablierten »Stammgästen« für mehr Newcomer zu öffnen, zahlte sich aus. Zwar wurde wie erwähnt »Girls of the Sun« von der Kritik verrissen, und skeptisch fielen auch die Reaktionen auf David Robert Mitchells »Under the Silver Lake« aus. Der surreale Los Angeles-Mystery-Thriller irgendwo zwischen Patricia Highsmith und psychedelischem Wirrwarr wäre im anderen Kontext vielleicht gnädiger aufgenommen worden. Zu den großen Entdeckungen aber darf der Russe Kirill Serebrennikov zählen, der selbst nicht anreisen konnte, weil er in Moskau unter Hausarrest steht. Sein wunderbar atmosphärischer »Leto« (Summer) erzählt von legendären Gestalten der Leningrader Rockmusikszene zu Beginn der 1980er Jahre, wobei es Serebrennikov gelingt, in einer intimen Dreiecksgeschichte voller Wehmut, aber ohne Nostalgie die tragischen Folgen der sowjetischen Zensur aufzuzeigen.

Drei der stärksten Filme des Wettbewerbs gingen leer aus: Nuri Bilge Ceylan entfaltet in seinem Dreistünder »The Wild Pear Tree« erneut in langen Dialogen und elegischen Bildern ein meisterhaft nuanciertes Generationenporträt der heutigen Türkei. Der Chinese Jia Zhangke lieferte mit »Ash is the purest white« eine einschlagend präzise Betrachtung der turbulenten kapitalistischen Entwicklung Chinas aus der Perspektive einer »Geschichtsverliererin«. Der absolute Lieblingsfilm der Kritik war Lee Chang-dongs von Haruki Murakami inspirierter »Burning«. Die geheimnisvolle Romanze zwischen einem bescheiden-schüchternen Möchtegernschriftsteller, seiner quirligen alten Schulfreundin und deren reichem Verehrer entwickelt Lee meisterhaft zu einem Thriller voller Zwischentöne, in denen sowohl die aktuelle Wirtschaftskrise, als auch die historische Spaltung des Landes und seine Klassen- und Geschlechtergegensätze vorkommen. Und das alles mit hitchcockgleicher Spannung.

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