Filmfest München: Gelächter aus der Schmuddelecke

»Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt«. (2017) © DCM Film

»Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt«. (2017) © DCM Film

Komik und Sex waren besonders auffällige Bestandteile der ­Programmreihe »Neues deutsches Kino« auf dem Filmfest München. Damit kann doch eigentlich nichts schiefgehen, oder?

Kauf Dir mal 'ne Tüte Deutsch!« Das sagt Raimund immer, wenn mal wieder einer seiner Kollegen den Relativsatz nicht richtig anschließt. Dabei kann so ein verpatzter Satzanschluss durchaus vorkommen, wenn man seit fast 30 Jahren Party macht. Wenn man erst zu Wendezeiten den Berliner Techno miterfindet, dann als Berliner Technomiterfinder abgefeiert wird und dann als Promoter, Manager, Label- und Clubinhaber »mit Geld zugeschissen« wird – so jedenfalls Raimund zu Charlie, den er zufällig in einem Kölner Café trifft. Charlie war dereinst an vorderster Partyfront mit dabei und machte coole Kunst, bevor es ihn aus der Kurve trug und er in der Klapse landete, und zwar so richtig; Charlie ist der Titelheld von »Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt«. Und Arne Feldhusens Verfilmung des gleichnamigen Romans von Sven Regener ist eine übermütige Komödie, die dem gehobenen Blödsinn huldigt und dabei doch ganz ernsthaft und sehr liebevoll von einer Rettung durch Freundschaft erzählt.

Das hochtourig-exzentrische Partypeople-Porträt zählte zu den Highlights der Reihe mit neuen deutschen Kinofilmen, unter denen auf dem Filmfest in München alljährlich die renommierten Förderpreise für die besten Nachwuchsleistungen vergeben werden. Und Annika Meier, die als Teil des wie entfesselt aufspielenden Ensembles Glanzlichter setzt, konnte den Preis für Bestes Schauspiel mit nach Hause nehmen.

Für das beste Drehbuch wurden Julia Langhof und Thomas Gerhold ausgezeichnet, die in »LOMO – The Language of Many Others« vom Beinahe-Verlorengehen eines unglücklich verliebten Teenagers in der Blogo­sphäre erzählen. Noch zu analoger Zeit, nämlich 1976, spielt dagegen das raumzeitlich verdichtete Familienporträt »Sommerhäuser«, das mit den Preisen für Beste Regie und Beste Produktion prämierte Debüt von Sonja Maria Kröner.

Die Auszeichnung der FIPRESCI, des internationalen Verbands der Filmkritik, ging an Tom Lass, den jüngeren Bruder von Jakob Lass (»Love Steaks«). In »Blind & Hässlich« erzählt er die Geschichte zweier Erniedrigter, deren Liebe nicht in der Wahrheit wurzelt. Jona ist blind, und Ferdi ist hässlich, und nun könnte man meinen, dass sich da ja die Richtigen zusammengefunden haben. Es ist aber so, dass Jona ihre Blindheit nur vortäuscht, um an eine günstige Wohnung zu kommen, und Ferdi ist eigentlich nicht hässlich, sondern hat psychische Probleme und Angst. Lass nun macht aus diesem Stoff nichts leichtherzig Komödiantisches, sondern setzt ihn mit einem feinen Sinn für subtilen Humor als existenzielles Drama in Szene, das die abstrusen Manöver seiner Figuren ernst nimmt, während es zugleich im Grotesken das Komische entdeckt.

Ähnlich, aber weitaus weniger zartfühlend verfährt Jan Henrik Stahlberg in seiner böse irritierenden Abrechnung mit Maskulinismus und Alltagspornografisierung: »Fikkefuchs« bietet mit Rocky und Thorben, Vater und Sohn, zwei der mit Abstand unerquicklichsten Männerfiguren vergangener Jahre. Arme Würstel auf drängender Suche nach dem weiblichen Geschlecht(steil), deren Odyssee durch explizit-ordinäres Terrain als sarkastischer Beitrag zur Geschlechterdebatte gesehen werden will. Es sind bittere Erkenntnisse, die Stahlberg unter höhnischem Gelächter aus der Schmuddel­ecke vermittelt – nicht schön, aber endlich fährt da mal einer mit dem Staubwedel rein.

Der eigenwillige Autorenfilmer RP Kahl hingegen begibt sich mit »A Thought of ­Ecstasy« aufs Gebiet des Neo-Noir, um dort sadomasochistischen Unfug zu treiben. Anders gesagt, gerät der von Kahl selbst verkörperte Held auf der Suche nach einer ehemaligen Geliebten in den Bann zweier Sexarbeiterinnen, die möglicherweise in einer geheimnisvollen Verbindung zu der Verschwundenen stehen. Möglicherweise aber auch nicht. Freizügige Aufnahmen von SM-Sessions wechseln mit Irrwanderungen durch eine futuristisch-postapokalyptisch anmutende kalifornische Wüste. Dazu raunt das Voiceover Verschwörerisches. Ein delirierendes Kunstwollen durchzieht diesen Film, der dem im März diesen Jahres verstorbenen US-amerikanischen Pornopionier Radley Metzger gewidmet ist. Man kann ihn verquast finden. Oder mutig.

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