65. Filmfestival San Sebastian – Das Leben und nichts anderes

»Der Festivalpalast«

»Der Festivalpalast«

Der Wettbewerb des 65. Filmfestivals von San Sebastian überzeugte durch seine »kleinen«, alltäglichen Geschichten, aber am Ende gewann – James Franco

Wenn Tommy Wiseau einen Schauspielkurs besucht, dann klettert er die Bühnenkulissen hoch, lässt sich herunterfallen und windet sich auf dem Boden. Eine seltsame Performance, dieses Nachspielen des Riesenaffen aus King Kong – sicherlich nicht das klassische Repertoire, mit dem man auf den Bühnen glänzt. James Franco spielt diesen Mann mit langen schwarzen Haaren, ungelenken Bewegungen und einem osteuropäisch wirkenden Akzent. Tommy Wiseau gibt es wirklich, er hat 2003 den Film »The Room« präsentiert, der als der »Citizen Kane« der schlechtesen Filme aller Zeiten gilt.

James Franco hat in »The Disaster Artist« dem Regisseur Wiseau, der zusammen mit seinem Kumpel Greg Sestero (gespielt von Francos Bruder Dave) »The Room« dreht, ein Denkmal gesetzt. Herausgekommen ist eine turbulente, aber auch anrührende Tragikomödie um die Dreharbeiten dieses Films, der heute unter der Rubrik Kultfilm läuft. Mit Wiseaus Geld organisieren die beiden die Produktion, mieten ein Studio an – und lassen darin schon einmal eine Straße nachbauen, die sich draußen vor der Tür befindet. Die Film-im-Film-Geschichte gerät so auch zu einem Dokument in Sachen Selbstüberschätzung, Sexszenen eingeschlossen. Franco hat seinen Film mit einer gehörigen Portion absurdem Humor inszeniert, kann aber nicht verhindern, dass die von ihm gespielte Figur mitunter wie eine Karikatur wirkt und der Film in den Klamauk abdriftet. Dass »The Disaster Artist« den Hauptpreis des Festivals, die Goldene Muschel, bekam, hat auch für Kopfschütteln gesorgt.

Den roten Faden des Wettbewerbs gibt diese Entscheidung jedenfalls nicht wieder. Denn den Wettbewerb dominierten in diesem Jahr die »kleinen«, alltäglichen Geschichten, die aber viel über die Gesellschaft, in der sie angesiedelt waren, erzählten. »Life and Nothing More« etwa, den der Spanier Antonio Méndez Esparza in den USA inszenierte, erzählt von einer alleinerziehenden afroamerikanischen Mutter, deren Sohn nach einer Jugendstrafe wegen Diebstahls wieder in die Kriminalität abzugleiten droht. Der Titel dieses Films ist Programm: Esparza beschreibt das Leben seiner Working-class-Figur, das schäbige Haus, die Arbeit als Kellnerin, aber auch den fehlenden Zugang zu ihrem Sohn. In »Sollers Point« (ebenfalls USA), benannt nach einem Viertel in Baltimore, läuft ein unter Hausarrest stehender junger Mann mit ­einem großen Hass durch sein Leben; auch er ist wieder zu Gewalttaten bereit.

Der interessanteste Beitrag dieser kleinen Reihe war »Ni juge, ni soumise« (So Help Me God) von Jean Libon und Yves Hinant, ein Dokumentarfilm über eine Brüsseler Untersuchungsrichterin, bei dem man gelegentlich das Gefühl hat, es könne sich nur um eine Mocku­mentary handeln. Aber auch Anne Gruwez gibt es wirklich; der Film zeigt sie bei der Arbeit in ihrem Büro oder wie sie einen alten Fall zweier ermordeter Prostituierten wieder aufrollen lässt. »Ni juge, ni soumise« ist ein Panoptikum der Schattenseiten der belgischen Gesellschaft, und Richterin Gruwez meistert die Konfrontation mit ihren Delinquenten mit Distanz und Humor. Leider hat die Jury diesen vom Ansatz her innovativen Film nur lobend erwähnt.

Aber immerhin wurden mit vier Preisen Filme bedacht, die genau und realitätsnah ihre Protagonisten beobachteten. Der argentinische Beitrag »Alanis« (beste Regie für Anahí Berneri und Silberne Muschel für Sofía Gala als beste Darstellerin) beschreibt den Überlebenskampf einer Prostituierten, in Pororoca von Constantin Popescu (Preis für Bogdan Dumitrache als bester Darsteller) driftet der Vater einer verschwundenen ­Tochter in den Wahnsinn ab, und der ebenfalls aus Argentinien stammende »Una especie de ­familia« (Preis für das beste Drehbuch an Diego Lerman und María Meira) beschreibt einen – illegalen – Adoptionsversuch, der nicht nur en passant die Klassengegensätze des Landes beleuchtet.

Den Preis für die beste Kameraarbeit (Florian Ballhaus) vergab die Jury an den in Schwarzweiß gedrehten deutschen Beitrag »Der Hauptmann« von Robert Schwentke, der zuletzt in Hollywood gearbeitet hat. Was wie eine Groteske anmutet – ein Deserteur sammelt in den letzten Tagen eine versprengte Truppe um sich und begeht abscheuliche Kriegsverbrechen – beruht auf tatsächlichen Ereignissen. Eigentlich ist es eine Köpenickiade – der Deserteur eignet sich mit der Uniform eines Hauptmanns auch dessen Verhalten an –, doch Schwentke gelang eine Parabel: Darüber, wie aus einem einfachen Soldaten ein Massenmörder wird.  

Einer der Höhepunkte des Wettbewerbs ging leider vollkommen leer aus: Barbara Alberts meisterhaft inszenierter Film Licht, die Geschichte des blinden Piano-Wunderkinds Resi (Maria Dragus), das von dem Wunderheiler Dr. Franz Mesmer (Devid Striesow) behandelt wird. Der Österrei­cherin Albert, deren Film mit deutscher Beteiligung entstand, gelang entlang des Leidens ihrer Protagonistin auch das Porträt der verknöcherten Gesellschaft der Rokokozeit des späteren 18. Jahrhunderts. Resi wird zu einem Spielball zwischen dem Wunderdoktor (der ihr die Sehfähigkeit zurückgibt) und ihren Eltern, die um ihre Einnahmen fürchten – denn ihre Tochter spielt sehend nicht mehr so gut. Immerhin konnte der zweite »Kostümfilm« des Wettbewerbs, die baskische Produktion »Handia« von Aitor Arregi und Jon Garaño um einen Riesen, der im Europa des 19. Jahrhunderts zur Schau gestellt wird, den Spezialpreis der Jury mit nach Hause nehmen.

Europäischer Amerikaner

In San Sebastian kann man noch Filme im guten alten 35-mm-Format sehen, mit Laufstreifen und Überblendzeichen: in der Retro. Dieses Jahr gab es alle Filme von Joseph Losey

Kaum ein anderes großes Filmfestival pflegt die Filmgeschichte so intensiv wie das von San Sebastian. Fester Bestandteil war immer die Retrospektive, gewidmet oft einer Persönlichkeit, die einen festen Platz in der Historie hat, aber aus dem Blickfeld verschwunden ist. In der Vergangenheit waren das Josef von Sternberg (1969), Henri-Georges Clouzot (1975), Luise Rainer (1986), William A. Wellman (1993), Anthony Mann (2004) und zuletzt Jacques Becker.

In diesem Jahr also Joseph Losey, sicherlich kein ganz Vergessener, aber heutztage eher ein Entlegener – und Wiederzuentdeckender. Keiner seiner Filme war ein wirklicher Kassenerfolg, auch wenn er mit Der Mittler 1971 den damaligen Hauptpreis, den Grand Prix, von Cannes gewann. Man ist immer versucht, in Loseys Filmen nach Spuren seiner Biografie zu suchen. Losey, 1909 in ­Wisconsin geboren, drehte Kurzfilme, inszenierte Theater (u. a. Brechts »Leben des Galilei«) und konnte vier Noirs in den USA realisieren, bis er als Mitglied der Kommunistischen Partei ins Blickfeld des House Un-American Activities Commitee geriet; 1953 siedelte er endgültig nach Großbritannien über. Dort entstanden seine wichtigsten Filme, die immer auch eine Vivisektion der Oberschicht sind und von Rebellion erzählen.

»Der Mittler« etwa ist ein Junge aus einfachen Verhältnissen, der im viktorianischen England bei einer adligen Familie eingeladen ist und Botendienste für erotische Zusammenkünfte der Tochter des Hauses leistet. In »Die romantische Engländerin« (1975) treibt ein bourgeoiser, eifersüchtiger Schriftsteller seine Frau in die Arme eines Gigolos. Und »Der Diener« (1963) verkörpert gewissermaßen so etwas wie die Rache der Underdogs: Da richtet ein Bediensteter (Dirk Bogarde) einen reichen Engländer mit Bedacht zugrunde. Der Diener ist ein Meisterwerk in Sachen Rauminszenierung, einer von Loseys besten Filmen.

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