Kritik zu Winterschlaf

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Eine Landschaft versinkt im Schnee, ein Patriarch schliddert in eine Krise. Nuri Bilge Ceylans Gewinner der Goldenen Palme in Cannes ist die ebenso ruhige wie unerbittliche Charakterstudie eines Selbstgerechten

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Istanbul ist fern. Die reaktionäre Regierungspolitik, die scheinheiligen Bekenntnisse zur Demokratie bei deren fortschreitender Einschränkung, die Unterdrückung unliebsamer Positionen, Prozesse wegen »Beleidigung des Türkentums« oder auch das weiter schwelende Aufbegehren gegen jene Repressionen – nicht ein einziger expliziter Verweis auf die politische Situation in der Türkei findet sich in Nuri Bilge Ceylans Winterschlaf. Dennoch lässt sich der Film auch als Parabel auf die soziale und politische Gemengelage lesen.

Zunächst aber ist Winterschlaf eine herbe, sehr langsam sich entfaltende Charakterstudie. Ganze 200 Stunden Material hat Ceylan auf eine Länge von drei Stunden und 15 Minuten getrimmt, und diese sind immer noch von einer provokanten Ausführlichkeit. In weiten, elliptischen Bewegungen nähert sich das Drehbuch von Ceylan und seiner Frau Ebru den zentralen Konflikten um die Hauptfigur. Erneut haben sich die beiden Autoren von den Werken Tschechows inspirieren lassen. Die epische Breite wie die Tiefe, mit der sie Machtstrukturen analysieren, atmet aber auch den Geist der Königsdramen Shakespeares. Sucht man nach filmischen Bezugspunkten, so erinnert die geradezu chirurgische Präzision, mit der die Isolation von Menschen innerhalb ihrer Beziehungen wie mit einem Skalpell Stück für Stück offengelegt wird, an Ingmar Bergman. Und doch wird Winterschlaf von einer ganz und gar eigenen Atmosphäre getragen: einer Entrückung und brütenden Melancholie, die das wiederkehrende musikalische Thema von Schuberts Klaviersonate in A-Dur sanft unterstreicht. Dem Filmtitel scheint diese Stimmung alle Ehre zu machen, dem Zuschauer aber fordert sie Wachheit und Ausdauer ab – die belohnt wird.

Kappadokien im Herzen Anatoliens ist der Schauplatz des Dramas. Bizarre Felsformationen ragen aus der kargen Weite der Landschaft, in den weichen Tuffstein getriebene Höhlen sind zu Wohnungen ausgebaut. Auch das Hotel Aydins (Haluk Bilginer) ist ein Höhlenkomplex, und diese merkwürdige, märchenhafte Szenerie steht in Kontrast zu der ganz realistisch und nüchtern gehaltenen Erzählung über diesen Patriarchen, der hier mit seiner viel jüngeren Frau Nihal (Melisa Sözen) und seiner frisch geschiedenen Schwester Necla (Demet Akbag) lebt. Seinen Lakaien überlässt er die unangenehmen Aufgaben, die mit dem Hotel- und Immobilienbesitz einhergehen. Aydin selbst, ein alternder Intellektueller und ehemaliger Schauspieler, hält sich lieber dezent im Hintergrund, hat aber stets die Fäden in der Hand. Er widmet sich dem Verfassen von Zeitungskolumnen mit belehrenden Reflexionen sowie einem Buchprojekt über die Geschichte des türkischen Theaters.

Anfangs stellt Ceylan Aydins joviale Art und Nachdenklichkeit in den Vordergrund, auch seinen Charme, den er im Umgang mit den Hotelgästen spielen lässt. Ein durchaus sympathischer, ein interessanter alter Herr. Dass er Konflikten lieber ausweicht, zeigt sich schnell; die selbstgerechte Ignoranz und Tyrannei, die sich hinter seiner Sanftheit verbirgt, erschließt sich erst schleichend. Zunächst sind da nur leichte Irritationen: Ein Junge aus dem Dorf wirft mit einem Stein die Scheibe seines Autos sein, aus Wut auf diesen Mann, bei dem seine Familie hoch verschuldet ist. Ob und wie er sich bei Aydin entschuldigen wird und welche Ehrbegriffe dabei mitspielen, bildet einen roten Faden der Handlung und spiegelt subtil die Macht- und Klassenverhältnisse jenes kleinen Reichs, über das Aydin herrscht.

Aber auch im engeren Kreis um den Patriarchen beginnt es zu knirschen. »Du bist unerträglich, selbstsüchtig, gemein und zynisch«, sagt seine Frau Nihal irgendwann unter Tränen zu ihm. Zwei zentrale, fast unerträglich lebensnah ausgespielte Streitgespräche – einmal mit seiner Schwester Necla, einmal mit Nihal – sind es vor allem, die Aydins Charakter entblößen. Der realitätsblinde Egomane in der Pose des reflektierten Schöngeists ist sich nicht mal zu schade, Nihals Engagement für soziale Projekte mit wohlgesetzten Worten in den Schmutz zu ziehen.

Auf geradezu artistische Weise gelingt es Ceylans Inszenierung dabei, Aydin nicht zu denunzieren. Der Blick auf ihn bleibt aufmerksam und differenziert, auch dank Haluk Bilginers Präsenz in dieser Rolle. Sein feines Spiel deutet an, dass Aydin der eigenen Verbohrtheit bisweilen hilflos ausgeliefert ist. So sind in der Krise seiner Herrschaft auch Anzeichen für eine mögliche Entwicklung zum Besseren zu erkennen – das Erwachen aus seinem Winterschlaf?

Während die Konflikte sich vertiefen, versinkt die Landschaft langsam im Schnee. Der Gegensatz zwischen Außen- und Innenräumen verschärft sich, als Wechselspiel von kalten und warmen Farbtönen von Kameramann Gökhan Tiryaki sehr sinnlich eingefangen. So entsteht nicht der Eindruck eines Kammerspiels, obwohl die meisten Szenen innen spielen und der Film – ganz anders als Ceylans vorheriges Werk Once Upon a Time in Anatolia – eine geradezu überbordende Menge an Dialog aufweist. In zahlreichen Szenen wird nahezu ununterbrochen geredet, und es hat etwas Enervierendes, dass dennoch vieles nie auf den Punkt gebracht wird, die Gespräche sich vielmehr immer wieder an einen Kern anzunähern scheinen, der niemals erreicht werden kann. Wohl daher rührt der durchaus erstaunliche Effekt, dass Winterschlaf weniger als ein Film der Worte denn als einer der Bilder und Blicke in Erinnerung bleibt.

Wenn der Junge, der den Stein nach Aydin warf, in genau dem Augenblick, als er ihm zur Entschuldigung die Hand küssen soll, in Ohnmacht fällt; wenn ein wildes Pferd, als Aydin es für seine Hotelgäste einfangen lässt, rasend vor Angst um seine Freiheit kämpft und Aydin mit unbewegter Miene, als ein Gott der Gleichgültigkeit, danebensteht, dann entfaltet Ceylans Film eine metaphorische Wucht, die weit über diesen selbstgerechten anatolischen Grundbesitzer und den gefährlichen Winterschlaf seiner Macht hinausweist. Seine Erzählung und seine Figuren aber für eine große politische Parabel lediglich zu instrumentalisieren, diesen Fehler begeht Ceylan nicht.

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