Kritik zu Pippa Lee

© Senator

2009
Original-Titel: 
The Private Lives of Pippa Lee
Filmstart in Deutschland: 
01.07.2010
Musik: 
L: 
98 Min
FSK: 
12

Weiblich, verheiratet, nicht mehr ganz jung; Rebecca Miller, Tochter von Arthur Miller und Ehefrau von Daniel Day- Lewis, verfilmt ihren eigenen autobiografisch gefärbten Roman über verschleppte Wohlstandsdepressionen im Altersdomizil

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So sieht er also aus. Der Anfang vom Rest eines Lebens. Ein schönes kleines Anwesen in Florida mit gekämmten Vorgärten und Nachbarn, die verbrüdernd nicken, wenn sie sich und ihre Einkäufe mit dem Rollator durch das komfortable Seniorenressort schieben. Die Einrichtung im Haus zeugt von exzellentem Geschmack und einer liebevollen Hand, die die Strenge formaler Arrangements mit Blumen und anderen winzigen Verspieltheiten durchbricht. Das letzte Eigenheim. Freundlich, hell, geräumig genug auch für potenzielle Rollstuhlfahrer. Und nichts daran wäre absonderlich oder falsch, wenn diese Frau in hellblauen Strickkombinationen, die gerade mit ihrem 30 Jahre älteren Verlegergatten eingezogen ist, nicht viel zu jung, schön und körperlich intakt wäre.

Die elegante Ehefrau trägt den Namen Pippa Lee (Robin Wright Penn), der in den 60er Jahren ungeheuer frei, wild und sexy geklungen haben muss. Während alles um sie herum sich im Takt von Medikamentengaben, Blutdruckkontrollen, Mittagsschlaf, Golf oder Bingo spielen organisiert, tickt in Pippa eine andere Uhr. Eine, die sie selbst erst nicht hören will und die sie weit in die eigene Geschichte zurückführt. Doch dafür braucht es erst eine Irritation, die ihr kontrolliertes Handeln durchbricht und sie in unbewusste nächtliche Fressattacken stürzt. Somnambul wandelt sie im Nachthemd vom verwüsteten Kühlschrank zur Tankstelle, wo sich Keanu Reeves als Frauenversteher ihrer multiplen Seele annimmt.

Das unbekannte wilde Tier, das nachts seine Zähne in die Küchenvorräte schlägt, ist natürlich nichts anderes als Pippas gespenstischer Kontrollverlust. Es ist die Sehnsucht nach einer Versöhnung mit sich selbst und mit dem eigenen Hass gegen eine pillenabhängige Mutter (von Maria Bello mit wundervoll entrückter Muffigkeit gespielt).

»Pippa Lee« erzählt eine Geschichte von Selbstverleugnung, Tarnung und Schuldkomplexen. Von der Flucht aus der kleinbürgerlichen Enge der 50er Jahre in eine Lesben-WG und später in eine drogenberauschte Künstler- Community. Pippa ist das Hippiemädchen mit den am dicksten umrandeten Augen und dem begehrtesten Körper der Szene. Irgendwann will auch sie vom freien Fall aus LSD und Selbstfindungsexzessen erlöst werden. So landet sie in den sortierenden Armen des reichen Verlegers (Alan Arkin).

Millers Film steht für jenes zumeist romangenerierte Subgenre verzweifelter Mittelstandsfrauen, die zumindest in den Vereinfachungen ihrer Leinwandadaptionen keine andere Krise zu bewältigen haben als das Leben selbst. Die bittere Gewissheit, dass es nicht allein darum gehen könnte, den ganzen Bundesstaat erfolgreich nach einem speziellen Liebhaberkäse zu durchkämmen oder ein Abendessen für Freunde auszurichten, erscheint am Ende doch als Luxusdilemma. Pippa und ihre Seelenschwestern bleiben allesamt Figuren, die dank ihrer Schönheit oder Herkunft immer mehr Glück hatten als andere und die ihre Gefühle überstreifen wie eine kostbare Bluse. Ihnen dabei zwei Stunden mit Empathie zuzusehen, ist fast ein bisschen viel verlangt.

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