Kritik zu Massive Talent

© Leonine Distribution

2022
Original-Titel: 
The Unbearable Weight of Massive Talent
Filmstart in Deutschland: 
16.06.2022
L: 
107 Min
FSK: 
12

Das selbstironische Selbstporträt ist das definitive Genre unserer Zeit: Nicolas Cage als fiktionalisierte Version seiner selbst wird vom CIA angeheuert, um seinen größten Fan, einen von Pedro Pascal gespielten Waffenhändler, auszuschalten

Bewertung: 3
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»Was immer auch geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken«, schrieb Erich Kästner einmal. KomödiantInnen in Amerika und dem Rest der Welt haben diesen Rat oft schon beherzt ignoriert. Kaum ein humoristisches Format hat sich zuletzt derart durchgesetzt wie die ironische Selbstparodie, die mit der Idee des Künstlers als Kunstfigur spielt. Zumeist besteht der Spaß darin, das Vorurteil des divenhaften Entertainers entweder mit voller Wucht zu bestätigen oder eben zu brechen. Da wären etwa Shows wie »Louie«, »Episodes«, »Call My Agent« oder hierzulande »Pastewka« und »Jerks« – die Liste ließe sich fortsetzen. Im Kino reizten »Being John Malkovich«, Jean-Claude Van Damme mit »JCVD« sowie Jonah Hill und Konsorten mit »This Is The End« die Idee bereits weitgehend aus. 

© Katalin Vermes/Lionsgate

Neu ist das erzählerische Konzept von »Massive Talent« also keineswegs – seine Anwendung auf die Kunstfigur Nicolas ­Cage klingt dennoch zunächst nach einem Geniestreich. Denn wenn es einen aktiven US-Schauspieler gibt, dessen Karriere auch ohne jegliche dramatische Überzeichnung Stoff für komödiantische Nacherzählung bietet, dann wohl Cages. Über seinen Werdegang vom oscarprämierten Charakterschauspieler zum B-Movie-König, schließlich zum Internet-Meme und dann doch wieder respektierten Kultdarsteller braucht nichts mehr geschrieben zu werden. Den Filmemachern Tom Gormican und Kevin Etten stünde für ihr Metaprojekt »Massive Talent« also eine Fülle von Zugängen zum Phänomen Cage zur Verfügung. Dass Cage sich bereiterklärt hat, eine fiktionalisierte Version (eigentlich sogar mehrere Versionen) von sich selbst zu verkörpern, stimmt ebenfalls zuversichtlich.

Tatsächlich sind Cages ungebrochene Spielfreude und sein titelgebendes »massives« komödiantisches Talent das Beste an dem Film. Das schwache Drehbuch weiß allerdings zu wenig mit dem Star anzufangen. Schnell drängt sich der Gedanke auf, dass sich hinter der postmodernen Selbstreflexivität des Scripts einfach nur Ideenlosigkeit verbirgt. »Massive Talent« verfällt nämlich nach einem gelungenen Einstieg, der uns Cage als selbstverliebten Versager mit Herz präsentiert, in ein weiteres hinlänglich bekanntes Erzählmuster: die Verwicklung eines tollpatschigen Schauspielers in ein reales Spionagekomplott. Cage wird von seinem Manager (Neil Patrick Harris) dazu überredet, bei der Geburtstagsfeier des superreichen Spaniers Javi (Pedro Pascal) auf Mallorca aufzutreten. Der entpuppt sich bald als internationaler Waffenhändler und Entführer. Cage wird nun von zwei CIA-Agenten angeheuert, Javi unschädlich zu machen. 

© Katalin Vermes/Lionsgate

Das führt zu allerlei erwartbaren Verwicklungen und Verfolgungsjagden, die man alle schon anderswo lustiger gesehen hat. Ständig spielt der Film dabei wenig subtil auf Highlights aus Cages Filmografie an (vor allem auf Actionstreifen wie »Lord of War« und »Face/Off«), ohne dass diese Zitate jedoch ausschlaggebend für die Handlung wären. Wie individuelle Sketche reiht der Film seine Szenen aneinander und lässt so kaum Stimmung aufkommen. Der Soundtrack versucht zudem erfolglos, laue Gags mit penetranter Musik aufzupolieren. 

Es ist ein Glück für die Filmemacher, dass Cage, wie üblich, mit vollem Körpereinsatz dabei ist und auch aus vorhersehbaren Szenen, etwa einem unfreiwilligen LSD-Trip, noch einiges herausholt. Auch der Rest des Ensembles überzeugt: Neben Neil Patrick Harris begeistert etwa Sharon Horgan (»Catastrophe«) als Cages Ex-Frau. Die Chemie zwischen Cage und Pedro Pascal sorgt aber eindeutig für die besten Momente: Die zarte Männerfreundschaft zwischen dem heruntergekommenen Hollywoodstar und dem vermeintlichen Gangster ist überaus sympathisch. Als episodenhafte Hommage an den Komödianten Cage funktioniert »Massive Talent« also zeitweise durchaus, als eigenständiger Film eher weniger.

Meinung zum Thema

Kommentare

Danke für die Kritik, der ich zustimmen kann.
Man ist bei dem Film auf der verzweifelten Suche nach einer weiteren Ebene, die uns tiefer in Cage blicken lässt als platte Zitate oder beiläufige Anspielungen. Mit dem "Wild at Heart"-Nicky war hier schon ein erster Schritt gemacht, doch der Film zerfällt an seiner deplatzierten Handlung rund um die CIA-Story.
Die einzige Ebene auf welcher der Film gehaltvoller wird, die aber sicherlich so nicht von den Macher*innen intendiert, ist dass am Ende der Handlung doch wieder ein Cage des B-Movies steht. Das wird diesem interessanten Schauspieler mit wahnhafter und gleichzeitig extrem spannender Persönlichkeit aber sicher nicht gerecht.

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