Kritik zu Glory

© Mouna

Die bulgarischen Filmemacher Kristina Grozeva und Petar Valchanov legen den zweiten Teil einer geplanten Trilogie vor, in der sie mit scheinbar »kleinen« Geschichten den gesellschaftspolitischen Zuständen in ihrer Heimat nachgehen

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Es ist vielleicht der einsamste Beruf, den das Verkehrswesen zu bieten hat. Streckenwärter Tzanko (Stefan Denolyubov) läuft tagtäglich an den Schienen entlang und zieht mit seinem sechs Kilo schweren Schraubenschlüssel die Muttern nach. Die Einsamkeit ist ihm gerade recht, denn sein Stottern macht ihn ohnehin zum Außenseiter. Bis er eines Tages Bargeld in Millionenhöhe an den Gleisen findet. Die ersten Scheine steckt er noch ein, doch angesichts der Menge ruft er doch die Polizei. Ein ehrlicher Finder im Sumpf der Korruption. Eisenbahnwagen werden verschoben und ausgetauscht, Löhne nicht ausgezahlt, und täglich verschwinden Hunderte Liter Treibstoff. Alle wissen Bescheid, auch der Minister, aber es tut niemand etwas. Als ­Tzanko für seine Tat geehrt wird, verleiht ihm der Minister eine Urkunde und eine Uhr. Seine alte nimmt die PR-Managerin in Verwahrung, vergisst aber, sie zurückzugeben. Doch was zuerst wie eine publikumsträchtige Heldengeschichte aussieht, die erfolgreich von den Korruptionsvorwürfen ablenkt, entwickelt sich zum Skandal. Denn Tzanko tritt im Fernsehen auf, um sein Familienerbstück zurückzufordern, und bestätigt die Treibstoffdiebstähle. Das Ministerium reagiert sofort. Die PR-Managerin macht aus ihm einen Kriminellen, zwingt ihn zu einer Entschuldigung und diskreditiert seine Aussage. Daneben bleiben die wahren Diebe auch nicht untätig. Am nächsten Morgen muss die PR-Managerin vom Selbstmord eines Streckenwärters lesen. Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende.

»Glory«, so heißt die verschwundene Uhr, viel Ruhm und Ehre bleiben Tzanko indes nicht. Indem sie das Politische im Persönlichen spiegeln, haben die beiden bulgarischen Filmemacher Kristina Grozeva und Petar Valchanov einen überzeugenden Film über Klassenunterschiede, politische Korruption und das Stadt-Land-Gefälle in Bulgarien gedreht. Nach »The Lesson« ist es der zweite Teil einer geplanten Trilogie, die sich aus kleinen, scheinbar unbedeutenden Zeitungsmeldungen speist. Mit diesem Film, der nur 260 000 Euro gekostet hat, nimmt das doch eher unbekannte Filmland Bulgarien am Rennen um den Oscar 2018 teil.

Vor allem in seinem klugen Aufbau kann der Film überzeugen. Er übersetzt die Schrittfolge vom Kleinen zum Großen, die die Handlung bestimmt, in viele Einzelszenen. Erst findet Tzanko einen Geldschein und freut sich. Dann steht er vor einem ganzen Haufen und ist erschüttert. In dieser Dynamik erzählt der Film seine Geschichte und stellt der künstlichen Wirklichkeit in den Medien und PR-Büros das einfache Landleben gegenüber. Als Tzanko wegen eines angeblichen Diebstahls verhaftet wird, fragt er nach dem Telefon. Die korrupten Beamten verweigern das Telefonat in der Annahme, er wolle einen Anwalt anrufen. Dabei ging es ihm nur darum, dass jemand seinen Hasen Wasser gibt. So laufen die Lebenswege aneinander vorbei, ohne dass einer den anderen versteht. Deutlicher ist das Zerfallen eines gesellschaftlichen Gefüges selten gezeigt worden.

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