Kritik zu Deepwater Horizon

© Studiocanal

2016
Original-Titel: 
Deepwater Horizon
Filmstart in Deutschland: 
24.11.2016
R: 
Musik: 
L: 
107 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die Chronik der Ereignisse vor der Ölpest 2010 inszeniert Peter Berg als humanistischen Katastrophenfil

Bewertung: 4
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In seinem neuen Film »Deepwater Horizon« gelingt Regisseur Peter Berg eine bemerkenswerte Gratwanderung. Er inszeniert die Ereignisse, die 2010 zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko führten, mit ungeheurer Wucht, aber ohne »Katastrophenvoyeurismus«; er beschränkt den Fokus der Erzählung auf die Arbeiter der Ölbohrplattform »Deepwater Horizon«, ohne die größeren Implikationen der Geschichte auszublenden. Und mehr noch als sein unterschätzter »Lone Survivor« ist »Deepwater Horizon« eine Hommage an die realen Vorbilder der Filmfiguren, mit einer stimmigen Balance zwischen Würde und Pathos.

»Es gibt das große Ganze, und dann gibt es die kleinen Lichter – wie Sie«, weist ein BP-Manager (maliziös zynisch: John Malkovich) in einer Szene einen kritischen Arbeiter zurecht. Und um genau diese »kleinen Lichter« geht es Berg – jene Männer, die in der kapitalistischen Weltsicht (und nicht nur dort) als Individuen bedeutungslos sind, im Ernstfall aber den Kopf hinhalten müssen. Mark Wahlberg als Vorarbeiter Mike Williams und Kurt Russel als Kapitän Jimmy Harrell stehen prototypisch für diese Gruppe erfahrener, aber letztlich machtloser »Professionals«. Mit beinahe dokumentarischem Gestus zeigt Berg die Arbeitsroutine der Männer, vom morgendlichen Familienabschied über die Inspektionen auf der Plattform bis zu den Frotzeleien unter Kollegen. Zwischenmenschliche Beziehungen und Arbeitsstrukturen werden beiläufig, aber mit genauem Gespür für Nuancen und Hierarchien beschrieben. Dabei bleibt die Regie stets auf Augenhöhe mit den Figuren, macht sie nahbar und ihr Handeln nachvollziehbar. Beiläufig baut das Drehbuch auch eine Vielzahl von technischen, zum Verständnis der Katastrophe notwendigen Informationen ein. Mal geschieht dies rein visuell, mal über rasante Dialoge, immer aber klug und effizient. Für die verantwortlichen BP-Manager an Bord interessiert der Film sich dagegen wenig – eine hintersinnige Umkehrung von deren Selbstverständnis.

Dramaturgisch steht »Deepwater Horizon« zwar in der Tradition klassischer Katastrophenfilme, aber selbst als schließlich die Hölle losbricht, beweist Berg eine besondere Klasse. Die Szenen, ein Crescendo aus Explosionen und Einstürzen, sind von atemberaubender Intensität, ohne aber das Chaos reißerisch auszubeuten. Es geht um die Menschen, um die Männer, die bei dieser von Gier und Ignoranz ausgelösten Katastrophe ihr Leben verloren.

»Heldentum« entsteht dabei nicht aus einer Art übermenschlicher Befähigung, sondern aus scheinbar profanen Tugenden wie Verantwortungsbewusstsein und Kameradschaft – eine Haltung, die Berg in die Nähe klassischer Männerregisseure von Hawks bis Peckinpah rückt. In einer Szene baut er die Namen sämtlicher Getöteten direkt in die Filmhandlung ein, in typischem Understatement und gerade deshalb berührend. Mit »Deepwater Horizon« zeigt Peter Berg sich als einer der wenigen modernen Genrefilmemacher, für die »Männlichkeit« ohne Menschlichkeit kaum denkbar ist.

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