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Unsere "steile These" des Monats April
»Touch me not« (2018)

»Touch me not« (2018)

Ein Phänomen geht um im aktuellen Kino: die Lust an der Unschärfe in den Bildern. Es ist, als genüge es nicht länger, das Fotografische in Bewegung zu bringen. Alles Sichtbare soll transzendiert, die klaren Kanten von Fläche und Form sollen aufgelöst werden. Ein beliebter Standard dabei: einer ­Figur von hinten folgen und sie allein, ihren Rücken oder Hinterkopf scharf fokussieren – und alles um sie herum zu Flecken verschwimmen lassen. Auf der Berlinale war das wieder und wieder zu sehen. Im Wettbewerb (»Eva«, »7 Tage in Entebbe«,» Touch me not«), in der Sektion Series (»Bad Banks«), im Forum (»An Elephant Sitting Still«). Und jenseits des Festivals auch in »1000 Arten Regen zu beschreiben«, der jetzt ins Kino kommt. Ornament? Spielerei? Vision? Vielleicht. Aber: Was ist so anziehend an Filmen, wenn in den Bildern wenig zu erkennen ist?

Die Nutzung der Unschärfe in Bildern ist nicht neu. Weder in der Malerei noch in der Fotografie. Und im Film kann man sie seit Mitte der 1960er Jahre diskutieren. Nun aber gibt es sie seit einiger Zeit im Übermaß. So, als sei der Film als Kunst des Sichtbaren in der Krise. Vorbei also der alte Kinozauber? Klar, es gibt den Fluch des Digitalen. Den Fluch der modernen, elektronischen Kameras, die alles, auch Räume in die Tiefe, überscharf präsentieren. Ist dagegen aber die Abwendung vom Konkreten, von Kontur und Linie, von der »Errettung der äußeren Wirklichkeit« tatsächlich eine ästhetische Alternative? Und die Neigung zur Unschärfe, zu Schemen und Schimmer, zum Übergang zwischen Verschwommenem und Nichts die künstlerischere Strategie?

In der Literatur ist in diesem Zusammenhang gern die Rede von Entgrenzung der Gewissheiten. Oder vom Triumph des Atmosphärischen über das Erzählerische. Oder sogar von der radikalen Hinwendung zur Malerei. Schön und gut. Andererseits bleibt der Einsatz abstrakterer Formen im Film, die – als Folge der Unschärfe – »in mehrdeutiger Gestalt sich verlaufen«, doch allzu oft Fleckenspielerei. Und wer geht dafür schon ins Kino!

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