Sechs Dinge, die wir dieses Jahr in Cannes gelernt haben

»L'amant Double« (2017)

»L'amant Double« (2017)


1: Netflix wird das Kino und vielleicht auch die Festivals verändern

Nach all den Jahren, in denen die Aufregung solchen Dingen wie High Heels auf dem ­Roten Teppich oder Lars von Triers Tiraden gegolten hatte, gab es in diesem Jahr endlich eine Debatte, die tatsächlich die Zukunft des Kinos berührte: die Frage, welche Rolle einem Streaminganbieter wie Netflix auf einem Filmfestival wie Cannes zukommen sollte. Mit seiner Entscheidung, bei der die mögliche Präsenz von Stars eine Rolle gespielt haben mag, hatte Festivaldirektor Thierry Frémaux im April gleich zwei Netflixfilme (»Okja« von Bong Joon-ho und »The Meyerowitz Stories« von Noah Baumbach) in den Wettbwerb aufgenommen. Die französische Kinobranche reagierte empört, weil Netflix nicht vorhatte, die Filme in Frankreichs Kinos zu bringen – was allerdings angesichts des in Frankreich vorgegebenen Auswertungsfensters von 36 Monaten zwischen Kinostart und VoD nicht ganz unverständlich erscheint. Trotzdem: Die Proteste der Branche waren so massiv, dass Frémaux ihnen nachgeben musste und ein neues Reglement versprach, das von nächstem Jahr an für alle Wettbewerbsfilme einen Kinostart vorschreibt. Zum Festivalauftakt bekam die Kontroverse neue Nahrung, als Pedro Almo­dóvar während der Jury-Pressekonferenz meinte, dass er sich nicht vorstellen könnte, einen Film auszuzeichnen, der nicht auf der großen Leinwand laufe. Woraufhin Jurykollege Will Smith dagegenhielt, dass Netflix und Kino keine Konkurrenten seien, sondern sich, wie etwa in seinem Haushalt, segensreich ergänzten. Seine Söhne gingen nach wie vor gerne ins Kino, aber Netflix ermögliche ihnen den Zugang zum Weltkino und zu Filmen, die eben in den Kinos der Nachbarschaft nie laufen würden. Und so wurde denn im Laufe des Festivals weiterdiskutiert, im ständigen Für und Wider und mit demonstrativen Buhrufen, aber auch Applaus, sobald das Netflix-Logo auf der Leinwand erschien.

Mit der Haltung derer, die das Recht der Zukunft auf ihrer Seite sehen, nahmen sowohl Netflix-Boss und Gründer Reed Hastings als auch Netflix-Programmchef Ted Sarandos die Debatte auf und verkündeten noch in Cannes diverse Male, dass ihnen der Streit nur zugute käme, dass sich die etablierten Strukturen anpassen müssten und nicht umgekehrt – und ein Festival wie Cannes in Zukunft nicht an ihren Produktionen vorbeikommen wird, Reglement hin oder her. Vielleicht war es ein Moment der Genugtuung für sie, als ausgerechnet die Vorführung von »Okja« abgebrochen werden musste, weil der Vorführer das falsche Format eingestellt hatte. Es brauchte volle zehn Minuten, bis der Fehler bemerkt wurde, trotz lebhafter Proteste aus dem Saal, und war keine gute Werbung für das Kino als gepflegtes, überlegenes Zuschauererlebnis. Die Debatte darüber, ob Netflix nun das Kino zerstört oder für Filmemacher völlig neue Chancen bietet, wird noch einige Zeit weitergehen. Mit der Premiere der zweiten Staffel von Jane Campions »Top of the Lake« und der feierlichen Palais-Aufführung von David Lynchs »Twin Peaks« hatte Cannes sich in diesem Jahr auch für die Serien geöffnet, wenn auch mit Betonung darauf, dass es sich bei Campion und Lynch um durch die Goldene Palme geadelte Regisseure handelt.

2: Das französische Kino versinkt im Selbstbespiegelung

Die Debatte um Netflix lenkte dabei von einigem anderen ab, unter anderem von den schwachen Beiträgen des französischen Kinos. Der Eröffnungsfilm, Arnaud Desplechins »Les fantômes d'Ismaël«, in dem Mathieu Amalric einen Regisseur in der Krise verkörpert, verlor sich samt seiner Hauptfigur in vertrackten Bezügen aufs eigene Werk und lief außer Konkurrenz, was ihn vor allzu scharfer Kritik bewahrte. Ein fast unglücklich verengter Blick auf das eigene Befinden und die eigenen Traditionen zeichnete aber auch die Wettbewerbsbeiträge aus: Sowohl Michel Hazanavicius' nur leidlich witziges Godard-Biopic »Le redoutable« als auch Jacques Doillons gewichtiger, steif daherkommener »Rodin«. Selbstbezüglichkeit, wieder auf das Genrekino und das eigene Werk, machte auch François Ozons »L'amant double« zu einem zwar gefälligen, aber auch schnell vergessenen Werk. Einzig Robin Campillos »120 battements par minute«, ausgezeichnet mit dem Grand Prix, setzte sich davon ab, während in der Quinzaine mit Claire Denis und Philippe Garrel zwei Altmeister unideologische Frische zeigten und Mathieu Amalric im Certain Regard mit »Barbara« ein chaotisch-verspieltes, aber auch wieder »typisch französisches« Biopic.

3: Das Frauenbild im Kino ist oft ver­störend

Jessica Chastain überraschte in der Abschlusspressekonferenz mit einem selten klaren Statement zum Frauenbild: Es sei das erste Mal, dass sie – aufgrund ihrer Jurytätigkeit – zwanzig Filme in zehn Tagen gesehen habe, und regelrecht aufgestoßen sei ihr dabei, wie das Kino der Welt die Frauen sieht. »It was quite disturbing to me, to be honest.« Im Nachhinein wurde spekuliert, welche Filme sie gemeint haben könnte. Vielleicht »L'amant double« und »Le redoutable«, in denen die jungen Frauen im Zentrum keine Charaktere, sondern reine Augenschmausobjekte für die Kamera sind? Oder Sergej Loznitsas »Die ­Sanfte«, in der die Hauptperson, die duldsame Frau, ein reines Vehikel ist, um den Höllenkreis der russischen Gefängnislandschaft zu erkunden? Oder die »Meyerowitz Stories« von Noah Baumbach, in der die Frauen wie selbstverständlich nur den Hintergrund abgeben für die drei Männer Dustin Hoffman, Adam Sandler und Ben Stiller? Und dann gab es auch jede Menge Filme, in denen es kaum weibliche Sprechrollen gab … Sofia Coppola, die mit ihrer Version von »The Beguiled« einen wunderbaren Kontrapunkt setzte, konnte das nicht alles wettmachen.

4: Das russische Kino befindet sich im Aufwärtstrend

Andrey Zvyagintsev ist zwar keine Neuentdeckung, aber mit »Loveless« präsentierte sich der russische Regisseur, der mit »Die Rückkehr« 2003 bekannt wurde, in Höchstform. Zusammen mit Sergej Loznitsas »Die Sanfte« gab es zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zwei russischsprachige Filme im Wettbewerb – und beide zeigten Russland als kaltes Land in jeder Hinsicht. Doch wo Zvyagintsev Menschen in ihrer Fehlbarkeit vorstellt, inszeniert Loznitsa Karikaturen von Korruption und Verwahrlosung. Seine Meisterschaft in Schnitt und Kamera verkommt zur leeren Geste, die über das aktuelle Russland wenig zu sagen hat. In Certain Regard gab es dafür eine echte Perle zu entdecken, »Closeness« von Kantemir Balagov. Inspiriert von autobiografischen Erfahrungen erzählt Balagov von einem Fleck im Nordkaukasus, wo kleine Volksgemeinden aufeinanderstoßen. Im Zentrum steht ein Mädchen, das einerseits seine jüdische Identität nicht verraten will, andererseits um seine Selbstbestimmung kämpft.

5: Die Dokumentarfilme sind mehr als nur Rahmenprogramm

Für Dokumentarfilme hat das Festival immer noch nicht die richtige Präsentationsform gefunden, so gab es wieder ein paar echte Highlights, denen als »séances spéciales« nicht die gebührende Aufmerksamkeit zukam. Zum Beispiel Barbet Schroeders »Le vénérable W.«, ein so nüchternes wie erschütterndes Porträt des buddhistischen Mönchs Ashin Wirathu, der in Myanmar eine Antiislam-Bewegung anführt. Die Verbindung von Buddhismus und Nationalismus befremdet schon, wirklich verstörend wird es, wenn übelste Propaganda im Namen einer Religion, die sich selbst als sanft definiert, erklingt. Ein weiteres Highlight kam von Raymond Depardon, der in »12 jours« dem Thema Zwangseinweisung nachgeht, ebenso nüchtern wie Schroeder, ebenso erschütternd präzise. Und dann fuhr noch Eugene Jarecki in »Promised Land« in ­Elvis' Rolls Royce durch Amerika. Sein ehrgeiziges Ziel, über Elvis und dessen Entwicklung »von James Dean zu John Wayne« nachzudenken, und zeitgleich die aktuelle gesellschaftliche Situation in den USA einzufangen, geht überraschenderweise auf. Was zur Sprache kommt, mag nicht alles zu Ende gedacht sein (Hat Elvis wirklich immer das Geld gewählt? Hat er Kulturdiebstahl an schwarzen Musikern begangen? Ist der fette, schwitzende, tablettensüchtige Elvis eine Metapher für die USA von heute?), aber es lohnt sich, den Faden aufzunehmen.

6: Der Preis für den besten Bart geht an …

Nun, Cannes ist immer auch ein Ort der Mode­entdeckungen gewesen. So gab es diesmal gefühlt kaum einen Film ohne männliches Gesichtshaar, von Jake Gyllenhaals Schnauzer in »Okja« bis zu Vincent Lindons Rauschebart in »Rodin«. Sogar Robert Pattinson trägt in »Good Time« Gestrüpp ums Kinn. Der Preis für den schönsten Bart aber gebührt Colin Farrell in »The Killing of a Sacred Deer«, der mit unnachahmlicher ­Lakonie Sätze wie »Wie tief geht die Wasserfestigkeit?« hineinspricht.

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