Interview mit Paul King über seinen Film »Paddington 2«

Regisseur Paul King am Set von »Paddington 2« mit Michael Bond, dem verstorbenen Autoren der legendären Kinderbücher. Foto: STUDIOCANAL/Jay Maidment

Regisseur Paul King am Set von »Paddington 2« mit Michael Bond, dem verstorbenen Autoren der legendären Kinderbücher. Foto: STUDIOCANAL/Jay Maidment

Mr. King, im ersten »Padddington«-Film spielte das Jahr 1938 eine Rolle – als das Jahr, in dem Mr. Gruber als Einwanderer nach Großbritannien kam: ein Hinweis auf die Kindertransporte, mit denen damals jüdische Kinder vor dem Nationalsozialismus gerettet wurden. Gab es dafür Anhaltspunkte in den ‚Paddington’-Geschichten von Michael Bond?

Nein, das war meine Idee. Ich konnte mir aber vorstellen, dass Michael davon beeinflusst war, als er die Bücher schrieb. Wenn man einen literarischen Stoff auf die Leinwand transportiert, muss man das, was im Buch einfach gesagt wird, in Bilder und Zusammenhänge übersetzen. Mir schien das eine gute Begründung, warum Großbritannien als ein idealer Zufluchtsort gesehen wird.

Ich hätte deshalb im neuen Film Entsprechendes erwartet, zumal sich Großbritannien mit dem Brexit explizit ein Stück weit von der Welt abgeriegelt hat.

Es stimmt, Großbritannien macht gerade eine politische Krise durch, aber wir sahen auch das universelle Problem des Misstrauens. Paddington sieht nun einmal das Gute in jedem Menschen. Das schien uns eine universellere Botschaft zu sein als die gegenwärtige politische Situation in Großbritannien, die doch eher speziell ist. Wir wollten Paddington diesmal in die Welt hinausgehen lassen und vermeiden, dass wir dieselbe Geschichte wiederholen, was bei Sequels ja oft genug vorkommt. Wie wird sich dieses unschuldige Geschöpf mit seinen traditionellen Werten in der großen weiten Welt zurechtfinden? So kamen wir auf die Filme von Frank Capra als Referenz, gerade seine Vorkriegsfilme mit ihren naiv-optimistischen Protagonisten passten zu Paddington. Capra drehte diese Filme vor siebzig Jahren, aber ihre Botschaft funktioniert immer noch.

Nach Paddingtons Ankunft wird das Gefängnis durch ein Missgeschick seinerseits und durch seine Kunst der Orangenmarmeladenherstellung zu einem heimeligen Ort in Rosa und in Pastelltönen. Wurden Sie dafür von den alten Filmen aus dem Ealing-Studio inspiriert? Manche Kritiker fühlten sich an Wes Anderson erinnert…

Wir haben viele Einflüsse aufgesaugt, mein Ko-Autor und ich dachten hier aber vor allem an Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ mit seiner Farbpalette. Wir hatten auch immer ein Auge auf den fünfziger Jahren, denn damals erschienen die ‚Paddington’-Bücher zum ersten Mal. Die andere Referenz für mich war Jean-Jacques Jeunets »Amelie« und die Art und Weise, wie er Paris gleichermaßen romantisiert und modern gemacht hat. Aber auch das Paris von Jacques Tati und – was den Slapstick anbelangt – Charlie Chaplin. Dessen Figur muss ja häufig ins Gefängnis und legt sich noch öfters mit ‚Bullies’ an.

War es je eine Diskussion zwischen Ihnen und dem Produzenten David Heyman, wie britisch der Film sein sollte? Einige der Animationsfilme von Aardman waren den US-Majors, die damals deren Partner waren, ja zu britisch und bei den ersten beiden Harry-Potter-Film hatte David Heyman einen US-Regisseur – möglicherweise auf Betreiben von Warner Bros.

Wir haben »Paddington« ursprünglich an Warner Bros. herangetragen, mit denen David ja seit langem zusammenarbeitet. Sie sagten, ihnen gefiele die Idee – aber nicht genug, um darin zu investieren, statt dessen drehten sie dann »Yogi Bär« (den ich nicht gesehen habe). Glücklicherweise kamen wir dann bei Studiocanal unter – ein französisches Unternehmen, das diese doch sehr britische Vorlage schätzte. Wir haben nie bewusst etwas für ein amerikanisches Publikum eingebaut, wohl aber immer an unsere Zuschauer gedacht – der Humor sollte nicht nur Kindern gefallen, sondern ebenso Erwachsenen, nicht nur Briten, sondern überall. Deswegen war Chaplins Slapstick auch so wichtig für uns. Diese Filme entstanden vor hundert Jahren in Los Angeles, aber man hat den Eindruck, sie sind universell und nicht gealtert.

Würden Sie sagen, es gibt bestimmte Witze, die nur ein britisches Publikum versteht?

Ich habe gerade die ersten 25 Minuten der deutschen Fassung gesehen und hatte den Eindruck, die Lacher kommen an denselben Stellen.

Der Schurke des ersten Films, die von Nicole Kidman verkörperte Tierpräparatorin, war ziemlich furchteinflößend. Hieß es da, dass war zu brutal für die jüngsten Zuschauer?

Ich mochte sie, weil sie den sanften Charakter von Paddington unterstrich. Aber wir fanden, es sei langweilig, auch diesmal jemanden zu haben, der Paddington töten wollte. Wir dachten diesmal eher an »Theatre of Blood« (aber ohne die brutalen Taten), also einen pompösen Schauspieler – zumal Paddington in den Büchern immer wieder mit solch aufgeblasenen Figuren konfrontiert wird. Außerdem war uns an einer stärkeren Interaktion der Figur mit Paddington gelegen – Nicole und er trafen damals ja erst im dritten Akt aufeinander.

War es von vornherein klar, dass die aufwändige Tanz- und Gesangsnummer nur unter dem Abspann liegen würde?

Ja - obwohl sie mit so viel Arbeit verbunden war! Es war Hugh Grants erster Arbeitstag, aber wir hatten einen tollen Choreographen und nach ca. 18 Stunden war die Szene im Kasten. Für mich war die Szene mit Paddington und seiner Tante Lucy der emotionale Höhepunkt, das andere war dann nur noch das Tüpfelchen auf dem I.

Die Kombination der CGI-Figur von Paddington und den menschlichen Schauspielern war perfekt. Haben Sie Sich dafür einfach mehr Zeit genommen als andere Produktionen oder gibt es ein anderes Erfolgsgeheimnis?

Ich denke, das hat mit der Welt zu tun, die wir entworfen haben. Bei vielen solcher Filme habe ich in der Tat den Eindruck, die CGI-Figur wurde am Ende draufgepfropft, ohne wirklich zu interagieren mit den Schauspielern. Ein sprechender Bär bedeutete eine Überhöhung der Wirklichkeit, aber wenn wir ihn in eine Umgebung hineinversetzen, die ebenso überhöht ist, dieses ‚London-London’, ist das glaubhaft.

Müssen Sie die Gunst der Stunde nutzen und sich gleich in die Arbeit an einem dritten »Paddington«-Film stürzen?

Das hängt erst einmal vom Einspiel dieses Films ab und dann von einem guten Drehbuch.

Gab es für Sie eine Pause nach dem ersten Film?

Ja, sechs Monate. Ich glaube, als wir uns an Frank Capra orientierten, war das der Durchbruch.

Wenn Sie einen Film ganz ohne Vorgaben drehen könnten, was könnten wir dabei erwarten?

An »Paddington« gefallen mir besonders de Szenen, wo wir uns in seinem Kopf befinden und die Welt durch seine Augen sehen. Das würde ich gerne mal in einem Film ausschließlich für ein erwachsenes Publikum ausprobieren.

Letzte Frage: wo befindet sich das Original des Pop-Up-Buches? Das war doch sicherlich begehrt…

Das hat der Designer, der es entworfen hat – er hat es verdient. Aber möglicherweise kommt eine abgespeckte Version dafür auf den Markt – das wäre doch ein passendes Weihnachtsgeschenk.

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