Kritik zu Shame

© Prokino

2011
Original-Titel: 
Shame
Filmstart in Deutschland: 
01.03.2012
S: 
Musik: 
V: 
L: 
100 Min
FSK: 
16

Der zweite Spielfilm des Künstlers Steve McQueen wurde bereits mit internationalen Preisen überhäuft – völlig zu Recht. Sein Porträt eines Sexsüchtigen ist ein vielschichtiger Essay über Isolation und Sehnsucht

Bewertung: 5
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

»If I’m gonna make it there, I’m gonna make it anywhere.« Irgendwann in diesem kühlen Film eine Szene, die langsam und tief ins Herz bohrt: Minutenlang verweilt die Kamera auf Carey Mulligans Gesicht, während sie als Sissy in einer Bar »New York, New York« singt, langsam, wie in Zeitlupe. Ihre Stimme und ihr Blick entkleiden dieses Lied von allem Triumphalen, das Sinatra ihm verliehen hat. Es bleibt die nackte Verlorenheit all jener, die es weder in New York noch an einem anderen Ort schaffen werden. Ihr Bruder Brandon (Michael Fassbender) im Publikum kann sich seiner sonst so sorgfältig kontrollierten Gefühle nicht mehr erwehren. Tränen rinnen seine Wangen herab.

Die Fassade ist perfekt, ein ungebundenes Junggesellenleben par excellence. Als Manager in einer großen Firma hat der Mittdreißiger Brandon ein gutes Einkommen und ein schickes Apartment. Er sieht blendend aus, ist kultiviert und braucht nicht viele Worte, um eine Frau ins Bett zu kriegen. Doch die Freiheit, um die ihn sein verheirateter Chef beneidet, ist eine kalte Hölle. In schlaglichtartigen, fragmentierten Szenen skizzieren die ersten Szenen von Shame ein Leben, das fest im Griff einer Sucht ist. Anonymer Sex in Seitengassen, Prostituierte, Telefon-Hotlines, Masturbation auf der Bürotoilette, Pornohefte – rastlos wird dies alles von Brandon konsumiert, wie in Trance, und niemals scheint es genug.

Bereits in Hunger hat Steve McQueen vom Körper erzählt und von der Freiheit des Willens, dessen Werkzeug dieser Körper sein kann. In Shame ist der Körper das Werkzeug eines Zwangs, ein Bild der Unfreiheit. Steve McQueen analysiert in durchkomponierten, langen Einstellungen, offenen Kadragen und kalten Farben eine Triebhaftigkeit, die mit Lust nur wenig gemein hat. Brandons Sexsucht – als Krankheitsbild durchaus umstritten – wird allerdings nicht auf ihre individuellen Ursachen hin durchleuchtet. Sie muss auch nicht für die moralische Anklage einer übersexualisierten Gesellschaft herhalten. Steve McQueen hält sie in einem Schwebezustand zwischen Diagnose und Chiffre. Shame ist vor allem auch eine Großstadtballade.

Die eigentliche Handlung des Films beginnt mit einem Einbruch in seine Isolation: Als seine Schwester Sissy, die Sängerin, sich bei ihm einquartiert, bekommt das Konstrukt seiner Existenz immer mehr Risse. Da sie auf ihre Weise eine Einsame, Beschädigte ist, wird sie für Brandon zu einem unerträglich scharfen Spiegel seiner selbst. Seine Fassade bröckelt indes weiter. Gerade, als sich mit einer sympathischen Kollegin eine echte Beziehung anbahnen könnte, taumelt der verunsicherte Brandon noch tiefer und haltlos in den Exzess.

Wie Michael Fassbender sich in dieses Porträt eines Getriebenen hineinwirft, mit seiner ganzen Physis wie mit feinsten Nuancen in Gesten und Blicken, und wie viel Spannung im Zusammenspiel mit den anderen Darstellern entsteht – dieses Schauspiel allein würde Shame bereits zu einem beeindruckenden Werk machen. Darüber hinaus aber evoziert das dichte Gefüge von Bild- und Tongestaltung vielfältige Bedeutungen und schält immer wieder Momente aus dem Strom der Großstadtbilder, die vor Konzentration geradezu vibrieren. Und obwohl dies ein dramatischer und tieftrauriger Film ist, sind seine Blicke in die Yuppiewelt immer wieder von Ironie durchtränkt, sodass er sich durchaus auch als tiefschwarze Sexkomödie lesen lässt. Subtil Doppelbödiges lauert überall, etwa wenn Brandon Bachs Goldberg-Variationen in der langsamen Einspielung von Glenn Gould hört – eine Musik, die gerade aus der mathematischen Präzision und Kontrolle ihre entgrenzende Kraft bezieht. Die Antithese zu Brandons Ausschweifungen, die ihm zum Gefängnis werden.

Je tiefer aber der Protagonist in seine Sucht taucht, desto schmerzhafter wird der Zuschauer auf seinen eigenen Voyeurismus gestoßen: Fast klinisch muten die Studien aus der sexuellen Kampfzone an, die trostlose Mechanik der Körper, Brandons bizarre Fratze im Orgasmus wie im Todeskampf. Solch kalter, rasend verzweifelter Sex war selten in einem Film zu sehen. Dennoch ist Brandon dank Fassbender nie ein American Psycho, nie ein Monster. Eher ist er Marlon Brando im Letzten Tango von Paris verwandt, ein trauriges Tier namens Mensch.

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