Kritik zu Poll

© Piffl Medien

2010
Original-Titel: 
Poll
Filmstart in Deutschland: 
03.02.2011
Musik: 
A: 
L: 
129 Min
FSK: 
12

Chris Kraus greift mit seinem dritten Spielfilm nach den Sternen: opulentes Kino im Hollywoodformat über das Baltikum am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Ein filmisches Wagnis erster Güte

Bewertung: 4
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»Poll« heißt der Ort, der sich wie ein leises Donnern aus der Ferne ankündigt. Gefährlich. Fremd. Aber den Gutshof Poll soll es wirklich gegeben haben. In jenen Zeiten, als die Vorfahren des Regisseurs in der »kanadisch« anmutenden Landschaft im Baltikum siedelten. Dort haben sich die Eindringlinge jahrhundertelang eingenistet, bis Krieg und Revolution das Autokratentum der deutschbaltischen Barone zunichtemachten. Aber da sind wir schon bei der erfundenen Filmhandlung, die eine Zeit heraufbeschwört, in der auch die Schriftstellerin Oda Schäfer (1900– 1988), Chris Kraus' Großtante, aufgewachsen ist, die tatsächlich in jenen unruhigen Zeiten auf Gut Poll zu Besuch war.

Estland im Sommer 1914. Ein weit ausholender Kameragleitflug verbindet Himmel und Erde, als Oda von Siering (Paula Beer), 14-jährig, mit dem Sarg ihrer Mutter im Gepäck in der baltischen Einöde aus dem Zug steigt. Das ernste Mädchen im schwarzen Trauerhabit mit Hütchen ist noch ein Kind, das erst durch den Schub der Ereignisse in jenem Sommer zur Frau heranwachsen wird. Noch bewundert sie ihren Vater Ebbo (Edgar Selge), den vom Dienst suspendierten Professor, der sich über das Mitbringsel – ein Zwillingspaar in Spiritus – freut, dann als Erstes einem toten Anarchisten die Hirnschale aufsägt, um nach dem Hort des Bösen zu fahnden, als Nächstes einen verletzten Arbeiter mit Nadel und Faden wieder zunäht. Dunkles Mittelalter löst mit einem Schlag die sonnendurchflutete Küstenlandschaft ab, als der Film ins verschattete Innere des Palladio-Schlösschens und des gruseligen Labors von Ebbo von Siering taucht. Eine Welt voller Gegensätze.

Worum geht's? Um das freudige Wiedersehen und den Gleichklang von Vater und Tochter, der langsam von der heraufdämmernden Erkenntnis über die Wahrheit der herrschenden Verhältnisse abgelöst wird. Denn dann rücken Oda und die keusche Liebesgeschichte mit dem Anarchisten Schnaps (Tambet Tuisk) in den Mittelpunkt, den sie versteckt und heimlich verpflegt. Das ist der humane Kern, mit dem der Film gegen die Allgegenwart der Gewalt anzukämpfen versucht. Dass dort nur Tabula rasa etwas ändern wird, dass die Anarchisten als Vorboten einer neuen Zeit unterwegs sind, lässt der Film nur zwischen den Zeilen ahnen. Wichtiger sind die Ober- und Untertöne des Suspense, der sich zwischen den verschiedenen Gruppen, innerhalb des feudalen Familienclans, aber auch im Umgang mit den dort vorübergehend einquartierten russischen Kavalleristen aufbaut. Ebbo, der Baron, als Repräsentant repressiver deutscher Kultur, zudem Rassenfanatiker, bleibt das vielleicht zu überzogene negative Zentrum des Films. Das zum Zerreißen gespannte Klima erinnert an die Zustände in Michael Hanekes ebenfalls »im Osten« angesiedeltes Vorkriegsepos »Das weisse Band«. Wo Haneke minimalistisch eine ganze Dorfgemeinschaft in Schwarz-Weiß skizziert, trägt Kraus jedoch mit dickem Pinsel süffige Farben auf und bringt sein mit Frankenstein-Horror gewürztes sehr barock anmutendes Epochengemälde dann doch als Kammerstück auf die Leinwand. Mit seinen großspurigen Metaphern spielt er dennoch auf derselben Klaviatur von Herrschaft und Widerstand und verkündet dieselbe tödliche Botschaft.

14 Jahre lang hat Chris Kraus auf diesen Film gewartet und ihn schließlich mit großer europäischer Beteiligung gestemmt. Die Exposition blendet mit einem holprigen Voice-over in die Vergangenheit. War das wirklich nötig? Die Bilder allein sprechen eine so deutliche Sprache vom Sturm der Geschichte und vom Haus des Todes, das mit der vorgegaukelten Unbeschwertheit seiner Palladio-Fassade nur notdürftig vor den eisigen Winden aus dem Norden schützt. Der Kulissenaufbau hat angefangen, als noch die Eisschollen auf dem Meer trieben. Eisig ist hier alles, darüber helfen weder die sonnigen Familienidyllen am Strand noch die Vertrautheit von Oda und Schnaps – ein Märchen in Völkerverständigung – hinweg. »Poll« ist ein Gruselkabinett der deutschen Vergangenheit, das Hell und Dunkel mit melodramatischem Gestus zusammenzwingt und nebenbei vorführt, dass deutsche Schauspieler auch durch Leinwandpräsenz überzeugen, wenn man sie nur ins rechte Licht setzt und – bis an ihre Grenzen schubst.

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