Kritik zu Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte

© X-Verleih

2009
Original-Titel: 
Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte
Filmstart in Deutschland: 
15.10.2009
L: 
144 Min
FSK: 
12

Der österreichische Autorenfilmer Michael Haneke schlägt neue Töne an. Seine Geschichte eines bigotten Dorfes, in dem sich merk­ würdige Unfälle zutragen, ist fast so etwas wie ein Fantasythriller

Bewertung: 5
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Der Erzähler – es spricht die alters­weise Stimme Ernst Jacobis – hebt wie von altersher zu erzählen an, ist jedoch darauf bedacht, sich von vornherein abzusichern. Für den Wahrheits­gehalt dessen, was sich in der protestantischen mecklenburgischen Dorfgemeinde am Vor­abend des Ersten Weltkriegs zugetragen hat, will er keine Garantie übernehmen. Obwohl er als junger Dorflehrer alles hautnah miter­lebt hat. Es begann mit dem Unfall des Arztes, den der Film so drastisch und realistisch wie möglich vor Augen führt. Der Mann galop­piert auf seinem Pferd heran und stürzt dem Zuschauer direkt vor die Füße. Ein Schocker. Ein Seil, das einer absichtlich über den Weg gespannt haben muss, hat den »Unfall« aus­gelöst – man sollte eher von einem Anschlag sprechen. Später ist das Seil wie vom Erdbo­den verschwunden. Noch später wird die Be­obachtung ausgesprochen, dass »die Kinder« eigentlich immer in der Nähe gewesen seien. Man sieht die kleine Truppe nach dem ersten Vorfall auf der Dorfstraße: Klara, die Älteste, die stets in Schwarz gekleidete Pfarrerstoch­ter, herausragend in der Mitte, eine Anführe­rin. Es ist wiederum der Dorflehrer, der aus den nicht enden wollenden Anschlägen zu­letzt als Einziger seine kriminalistischen Schlüsse zieht, aber er kann die Wand des Schweigens nicht durchbrechen.

Was aber geschieht? Nach dem Sturz des Arztes stirbt die Bauersfrau bei einem »Un­fall« im Sägewerk, der sechsjährige Sohn des Gutsherrn wird mit heruntergelassenen Ho­sen und Striemen auf dem Po gefunden, die Scheune des Gutsherrn brennt, das Baby des Verwalters überlebt die Kälte am offenstehen­den Fenster in einer Winternacht – nur wer hat es dort hingestellt? Die Vorfälle reihen sich wie die Terrorakte einer »kriminellen Vereini­gung« aneinander, nehmen zunehmend per­vers­sadistische Züge an. Es trifft vor allem die Schwachen und Abhängigen, die als Sünden­böcke und Stellvertreter quasi hingerichtet werden – die autoritären Strafaktionen der Oberen und Privilegierten des Dorfes, Baron, Verwalter, Pfarrer, Arzt bleiben weitgehend ungesühnt. Wenn der Pfarrer seine verstock­ten Kinder mit dem Tragen des »weißen Bandes« abstraft, unterwerfen sie sich mit un­durchdringlichen Gesichtern: widerspruchs­los, doch hasserfüllt. Weiß ist auch das Band, mit dem er den pubertierenden Ältesten über Nacht ans Bett fesseln lässt. Demütigen und Bloßstellen heißen die hier angewandten Fol­termethoden. Die sanfte Fessel des weißen Bandes täuscht nur notdürftig über die wah­ren Gewaltverhältnisse, ein Geflecht aus Ritu­al, Aberglauben und Obrigkeitsdenken, hin­ weg. Deshalb gibt es weder Ankläger noch Richter. »Ein feste Burg ist unser Gott«, singen die Kinder am Ende beim Gottesdienst auf der Empore. Die schwarze Abblende fällt über ein letztes Bild in trauter Scheinheiligkeit.

Tod und Untergang gehörten von Anfang an zur Ultima Ratio des Michael Haneke, der sich vor genau zwanzig Jahren mit dem Sieb­ten Kontinent und dem rätselhaften Kollek­tivselbstmord einer Familie in den Olymp der Autorenfilmer katapultierte. Seitdem kreisen seine Gegenwartsgeschichten um »die Verglet­scherung der Gefühle«, mittlerweile ein Schlagwort. Ursachenforschung betreibt der Regisseur erst seit Caché (2004), wo er einem Schuldzusammenhang aus der Kindheit nach­ spürt. Im historischen Ambiente von Das wei­sse Band geht er nun entschlossen den um­ gekehrten Weg, indem er facettenreich und detailgenau die Ausbildung eines »autoritären Charakters« nachvollzieht – es geht um die von Adorno bis Wilhelm Reich geschilderten Folgen einer repressiven Erziehung, die als verantwortlich für das pervers­sadistische Ver­halten Einzelner oder auch für das autoritäre kollektive Bewusstsein einer Gruppe oder eines Volkes angesehen werden.

Die blendend schönen hyperrealistischen Bilder Hanekes, die Landschaften in kunstvol­le Radierungen verwandeln, jedes Detail, jede Gesichtsregung registrieren, könnten Aufklä­rung betreiben, könnten ohne weiteres die Beweise dafür vorlegen, wo sich das Wahn­hafte vom Normalen trennt. Doch der erklärte Realist Michael Haneke besteht auf dem Ge­heimnis, bedient sich lieber der Erzählmuster des Fantasygenres, vielleicht um seiner Grund­idee, den »gemeinsamen Nenner« terroristi­scher Taten aufzudecken, die schärfste Waffe zuzuliefern: die Aufstachelung des Zuschau­ers. Die Reibungsfläche zwischen der auf Wahrhaftigkeit pochenden Ästhetik eines Au­gust Sander – eine so noch nie dagewesene, mittels digitaler Technik erzielte Schwarz­ Weiß­ Fotografie – und der fehlenden narra­tiven Auflösung des ungeheuren Geschehens, mag dem atemberaubenden Suspense des Films zugutekommen. Inwiefern die Schön­heit der Bilder, das außerordentliche Film­kunstwerk, das dem absoluten Formwillen des Regisseurs geschuldet ist, doch eher zum Sattsehen statt zum Nachdenken auffordert, bleibt jedoch die große Frage. Für ein »billi­ges« Dokudrama ist sich Michael Haneke je­denfalls zu schade. Als Film- ­oder Kunstwerk­erklärer, steht er, wie er selbst sagt, ebenso wenig zur Verfügung.

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