Kritik zu Durst

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Im Kino sind derzeit ziemlich viele Geistliche unterwegs, die merkwürdige Dinge anstellen. Im neuen Film des Südkoreaners Park Chan-wook verwandelt sich ein Priester in einen erotiksüchtigen Vampir

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Über einen Zeitraum von zehn Jahren soll der südkoreanische Regiestar Park Chan-wook dieses Projekt vorbereitet haben. Viele Motive seiner vorhergehenden Filme hat er in »Durst« noch einmal aufgegriffen und in eine Vampirgeschichte verflochten, so die Fragen von Schuld und Sühne, die er in seiner Rachetrilogie verhandelt hat, oder die Entfremdung vom Menschsein, die er in »I'm a Cyborg, But That's Okay« als schräge Komödie servierte.

Mit gänzlich anderem Grundton als die jüngsten Vampirfilm-Erfolge »Twilight« und »So finster die Nacht« treibt Park Chan-wook die bekannten Motive des Genres auf die Spitze. Als Hauptfigur wählt er dafür einen katholischen Priester, Sang-hyun, der im Bestreben, Gutes zu tun, seine südkoreanische Heimat verlässt und sich in einer Klinik in Afrika, wo an einem Medikament gegen das gefährliche »Emmanuel-Virus« geforscht wird, freiwillig als Testperson meldet. Das Experiment verläuft tödlich. Und doch sehen wir ihn kurze Zeit später wieder am Leben. Eine Schar von Jüngern verehrt diesen durch ein Wunder Genesenen. Aber die Bluttransfusion, die ihn dem Tod entrissen hat, lässt ihn zugleich zum Vampir werden. Fortan kämpft er mit schrecklichen Gewissensqualen, denn er will keinen Menschen für seine Sucht opfern.

Selten sah man einen Priester in so entwürdigenden Situationen: Als er einer sterbenden jungen Frau die Absolution erteilt, leckt Sang-hyun sich so verstohlen wie gierig ihr Blut von den Fingern; einen Komapatienten zapft er an und legt sich immer wieder am Plastikschlauch nuckelnd neben sein Bett. Der groteske Humor solcher Situationen verschleiert jedoch nie die Tragik seines Absturzes in eine höllische Existenz. Zur vampirischen Initiation kommt die sexuelle: Sang-hyun fühlt sich unwiderstehlich zu Taeju hingezogen, die mit einem Freund aus Kindertagen verheiratet ist. Es ist eine der leisesten und doch stärksten Szenen des Films, in der sich Vampirismus und erotische Attraktion mischen, als Tae-ju auf einer ihrer kleinen Fluchten vor ihrem verhätschelten und kränklichen Mann Kang-woo barfuß durch die nächtlichen Straßen irrt. Sang-hyun sieht sie, holt sie ein, hebt sie hoch und stellt sie in seine Schuhe – eine zärtliche, fürsorgliche Geste. Sein Blick jedoch saugt sich an ihrer Schulter, ihrem Hals fest, wo sich unter der Haut lockend die Adern abzeichnen.

Tae-ju verleitet den Priester nicht nur zum Bruch des Zölibats, sondern – und hier wird »Durst« streckenweise zum Film noir – sogar zum Mord an Tae-jus Mann, der allerdings nicht recht sterben will. In grausig-komischen Halluzinationen drängt er sich immer wieder zwischen die Liebenden, während Tae-ju ebenfalls zum Vampir mutiert und diese Verwandlung, ganz anders als Sang-hyun, als Befreiung erlebt. Ekstatisch schwelgt sie in ihren neuen Kräften, exzessiv und ohne jeden moralischen Vorbehalt. Doch »ein bisschen trinken und dann die Leichen wegwerfen, heißt, das Leben zu leicht zu nehmen«.

Obwohl der sexuelle Subtext des Vampirmotivs schon in vielen Filmen in deutliche Bilder übersetzt wurde, schafft Park Chan-wook in seinem überbordenden und rauschhaften Stil viele spannende Volten, gerade durch die Doppelung von Sex und Blutsaugen in – für südkoreanische Verhältnisse – sehr freizügigen Liebesszenen. So ist »Durst« in mancher Hinsicht eine verschwenderische Orgie, die den ständig gesteigerten Exzess der Hauptfiguren bis an den Endpunkt der Erlösung nachvollzieht und folgerichtig nicht mit verstörenden, blutigen Bildern spart.

Auf einer anderen Ebene ist der Film jedoch eine kühle, sehr offene Reflexion über den Vampirismus als Metapher für unstillbare Begierden, für eine zerstörerische Sucht, die das Leben intensiviert und es zugleich verbraucht und zersetzt. So konsequent wie hier mit philosophischen Fragen verknüpft hat das Vampirgenre zuvor vielleicht nur Abel Ferrara mit »The Addiction«. Und auch wenn »Durst« vor allem in der ersten Hälfte an einer etwas blutleeren Dramaturgie leidet und durchaus eine halbe Stunde kürzer sein dürfte, wirken die stilisierten Bilder und die vielfältig ineinander gespiegelten Motive lange nach. Park Chan-wook dürfte sich seinen Platz im Pantheon des Genres gesichert haben.

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