Kritik zu Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

© Concorde

2013
Original-Titel: 
Hundraåringen som klev ut genom fönstret och
Filmstart in Deutschland: 
20.03.2014
Musik: 
L: 
114 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Mit zwei Millionen verkauften Exemplaren war die Buchvorlage auch in Deutschland ein Riesenerfolg. Die Verfilmung besteht auf ihrer schwedischen Identität

Bewertung: 4
Leserbewertung
2.25
2.3 (Stimmen: 4)

Weder in Schweden noch in Deutschland hatte die Literaturkritik Jonas Jonassons »Der Hundertjährige, der aus dem Fens­ter stieg und verschwand« bei seinem Erscheinen auf dem Zettel. Das Erstlingswerk des schwedischen Journalisten, der erst mit Ende vierzig im Literaturbetrieb Fuß fasste, gehört zu den größten Überraschungserfolgen auf dem Buchmarkt. Weltweit mehr als sechs Millionen verkaufte Exemplare, davon über zwei Millionen allein in Deutschland, wo der Roman fünfzehn Monate lang die »Spiegel«-Bestsellerliste anführte. Glücklicherweise hat Regisseur Felix Herngren bei der Kinoadaption der Versuchung widerstanden, den globalen Erfolg des Buches als internationale englischsprachige Produktion weiterführen zu wollen. Vielmehr zeigt sich die filmische Version sehr darauf bedacht, die schwedische Identität des Stoffes zu bewahren.

Ein Filmheld wie Allan Karlsson (Robert Gustafsson) lässt sich ohnehin nicht ins weltmarktgerechte Mainstreamformat pressen. Denn der Greis, der an seinem 100. Geburtstag die Flucht aus dem Altersheim antritt, an einen Koffer mit 50 Millionen Kronen und einige eigensinnige Freunde und Feinde gerät, ist ein passiver Antiheld, der hier nicht nur durch ein skurriles Roadmovie treibt, sondern in Rückblenden auch durch die wendungsreiche Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Seine Leidenschaft für Sprengstoff bringt den jugendlichen Allan nach dem Tod der Eltern in eine Nervenheilanstalt, wo ein Rassenbiologe den vermeintlich labilen Patienten kurzerhand sterilisiert. Als junger Mann findet er seine Berufung zunächst in einer Kanonengießerei, später als versierter Brückensprenger im spanischen Bürgerkrieg. Aber das ist erst der Anfang einer grotesken Reise durch die Welthistorie, an deren Wendepunkten der gutmütige Sprengstoffspezialist immer wieder Präsenz zeigt. Robert Oppenheimer gibt er den entscheidenden Hinweis zum Bau der Atombombe, was Allan zum Busenfreund von Harry Truman werden lässt und ihm eine Einladung nach Moskau zum Saufgelage mit Genosse Stalin einbringt. Im Kalten Krieg versorgt er als argloser Doppelspion beide Seiten mit Informationsmüll und ist schließlich auch am Fall der Berliner Mauer nicht unbeteiligt.

Als Mischung aus Zelig und Forrest Gump präsentiert sich Herngrens gelungene Literaturverfilmung, die das ausufernde, erzählerische Dickicht der Vorlage gelichtet hat, ohne den Geist von Jonassons Roman zu beschädigen. Dabei betont der Film mehr die dramatischen Momente der Geschichte und spielt die komödiantischen Elemente ohne aufdringliche Verstärkereffekte aus. Der Humor bleibt trocken, die Pointen werden nicht auf dem Silbertablett hereingetragen, sondern entfalten scheinbar beiläufig ihre Wirkung. Der in Schweden sehr populäre Komiker Robert Gustafsson überzeugt in allen Altersklassen als naiver Held, der durch die Weltgeschichte stolpert und genau weiß, dass nicht die persönliche Ambition, sondern der Zufall der eigentliche Motor des Lebens ist. Wer sich auf ihn einlässt, kann – zumindest in diesem Film – die unglaublichsten Dinge erleben.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns