Kritik zu Bethlehem

© Real Fiction

2013
Original-Titel: 
Bethlehem
Filmstart in Deutschland: 
09.01.2014
S: 
Musik: 
A: 
L: 
96 Min
FSK: 
16

Der Geheimdienstagen­t und sein liebster Informant: Der israelische Regisseur Yuval Adler zeigt eine solche Beziehung in seinem hochaktuellen Spionagethriller als komplexe Vater-Sohn-Geschichte

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 3)
Razi kümmert und sorgt sich nicht nur zum Schein um Sanfur. Der 17-Jährige, der unter schwierigsten Bedingungen auf der Suche nach einem eigenen Weg ist, liegt dem Familienvater wirklich am Herzen. Gelegentlich schenkt er Sanfur etwas, eine Jeans oder andere Dinge, die sich der Junge nicht leisten kann. Aber viel entscheidender ist, dass Razi ihm zuhört und auch mal ins Gewissen redet. Das braucht Sanfur mehr als andere.
 
 
Doch das ist nur die eine, die rein menschliche Seite einer überaus komplexen und extrem widersprüchlichen Beziehung. Die andere wird bestimmt von den politischen Realitäten in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten im Westjordanland. Auch wenn sie es manchmal selbst glauben wollen und darüber für Momente alles andere vergessen, sind Razi (Tsahi Halevi), der israelische Geheimdienstagent, und Sanfur (Shadi Mar’i), der palästinensische Teenager, keine Freunde. Vielmehr benutzen sie einander, den eigenen Vorteil immer fest im Auge.
 
Razi will über den orientierungslosen Jugendlichen an dessen Bruder Ibrahim (Hisham Suliman), einen der Köpfe der Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden, herankommen. Währenddessen sehnt sich Sanfur einfach nach einem Vertrauten, der ihm anders als der immer abwesende Bruder und der strenge, lieblose Vater zur Seite steht. Also spielt er Razi den Informanten vor, gibt ihm ein paar vage Hinweise und versucht zugleich, Ibrahim ein guter Bruder zu sein.
 
Der israelische Filmemacher Yuval Adler und sein Koautor, der palästinensische Journalist Ali Wakad, verengen den Blick auf die Konflikte zwischen Palästinensern und Israelis radikal. Sie gehen ganz nah dran an ihre Protagonisten – auf beiden Seiten der Grenze. So etwas wie eine objektive Perspektive, aus der sich das Geschehen fein säuberlich sor­tieren und beurteilen ließe, gibt es in Beth­lehem, Yuval Adlers Kinodebüt, nicht. Wie auch? In diesem seit Generationen be­stehenden Konflikt verfolgt am Ende jeder seine eigenen Interessen: Sanfur sucht rast- und hilflos nach einem Platz im Leben; Razi führt einen bedingungslosen Kampf gegen Terroranschläge. Und dann ist da noch Badawi (Hitham Omari), Ibrahims rechte Hand, der als Sohn einer Beduinen-Familie von vielen Palästinensern nicht akzeptiert wird und deswegen zu immer radikaleren Methoden greift.
 
 
Zu dieser konsequenten Zersplitterung, die jede simple ideologische Betrachtung der Ereignisse in Israel und im Westjordanland unmöglich macht, gehört ohne Zweifel Mut. Schließlich ermöglicht sie Yuval Adler sogar, für eine gewisse Zeit die Perspektive Ibrahims einzunehmen, der für zahlreiche Selbstmord­attentate verantwortlich ist. Er ist ohne Zweifel einer, der die Spirale der Gewalt weiter und weiter gedreht hat. Doch in dem Augenblick, in dem er von israelischen Militärs gnadenlos gejagt und schließlich in die Enge getrieben wird, ist auch Ibrahim nur noch ein Mensch, der um jeden Preis leben will.
 
Yuval Adler und Ali Wakad gewähren wirklich jedem zumindest einen Moment, in dem er sich gänzlich schutzlos präsentiert. So gewinnen selbst auf den ersten Blick eher plakativ angelegte Figuren wie Razis Vorgesetzter, der im Kampf gegen die Al-Aksa-Brigaden ohne Zögern auch zivile Opfer in Kauf nimmt, oder Sanfurs Vater, der Ibrahim seinem jüngeren Sohn immer vorgezogen hat, eine überraschende Ambivalenz. In der nicht enden wollenden Tragödie, die Israelis und Palästinenser mit jedem Tag noch aussichtsloser aneinanderkettet, gibt es letztlich nur Täter, die zu Opfern, und Opfer, die zu Tätern werden. Jeder Einzelne steckt fest in einer Falle, die immer schon da war und die er dann selbst noch tiefer gegraben hat.
 
Das ist die bedrückende Erkenntnis dieses Thrillers, der sich unpolitisch gibt, aber in Wahrheit extrem politisch ist. Der israelische Tänzer und Sänger Tsahi Halevi, der in seiner Zeit als Soldat selbst bei einer Eliteeinheit im Westjordanland war, Hitham Omari, der in zwei Intifadas gekämpft hat, und der palästinensische Jugendliche Shadi Mar’i sind eben nicht nur Laien, die ihre Rollen mit einer ungeheuren Intensität und Authentizität verkörpern. Sie sind auch Repräsentanten dreier Welten, die für diesen Film über alle Grenzen hinweg zusammengefunden haben.

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