Und dann ein Flop

Ryan Gosling geht mit seinem Regiedebüt "Lost River" unter, Wim Wenders aber überrascht und triumphiert mit "The Salt of the Earth"
Ein Filmfestival wie Cannes funktioniert nur dann, wenn sich das Publikum von einzelnen Stars und Filmen etwas ganz Besonderes verspricht. Erst dann kommt es zu jener leicht hysterisch aufgeladenen Erwartungshaltung, die Menschen dazu bringt, sich für Stunden in einer Schlange anzustellen mit der vagen Hoffnung, es ins Innere des Kinopalasts zu schaffen. Der Film mit den längsten Schlangen war in diesem Jahr bislang Ryan Goslings Regiedebüt, Lost River. Gosling hat es als Darsteller in Filmen wie Drive zum männlich-coolen Star des Independent-Kinos gebracht. Dass sein Film nicht im Wettbewerb aufgenommen wurde, sondern in der Nebensektion Un certain regard lief, galt für seine Fans als Anzeichen der hoffnungslosen Verknöcherung der Festivalmacher.
 
Teaser zu "Lost River"  © Verleih
 
Jedem Festival tut aber auch ein richtiger Reinfall ganz gut. Wie im wahren Leben gilt auch hier, dass es keine schlechte Nachrichten gibt, Hauptsache es wird berichtet. Und auch dafür sorgte nun ebenfalls Ryan Gosling mit Lost River. So groß die Erwartungen waren, so spöttisch und herablassend waren im Anschluss die Kommentare. Und trotzdem waren alle froh, dabei gewesen zu sein.
 
Lost River ist im Film der Name einer Stadt, die ihre Bewohner verlassen haben. Gefilmt in Detroit, ist die Geschichte eine Art finstere Fabel über den postindustriellen Niedergang der USA und die Zerstörung des amerikanischen Traums. Eines der wenigen noch bewohnten Häuser dieses verwunschenen Orts gehört Sandra (Christina  Hendricks), die versucht ihre zwei Söhne durchzubringen. Der eine, Bones, wird gerade erwachsen, der andere, Franky, tappt als süßer Vierjähriger durchs Bild. Bones kommt dem selbst ernannten Tyrannen der Gegend in die Quere, während Sandra von einem ruchlosen Banker zur Arbeit in einem finsteren Nachtclub genötigt wird. Dort werden zur allgemeinen Unterhaltung Horrorszenarien mit schönen Frauen nachgestellt.
 
Stilistisch versucht Gosling die alptraumhafte Poetik von David Lynch oder Nicholas Windung Refn nachzuahmen. Doch der Anschluss an die großen Vorbilder gelingt nicht wirklich, die Geschichte wirkt gezwungen, und die ambitionierte Bildsprache mit viel Feuer, Wasser und düsterer Erotik läuft seltsam ins Leere. Goslings Aura als Schauspieler aber wird dieses misslungene Regiedebüt wahrscheinlich nichts anhaben können – kluger Weise hat er darauf verzichtet, sich selbst zu inszenieren.
 
Auch Wim Wenders war einst das "heißeste Ticket" des Festivals. Bereits 1976 lief hier in Cannes sein Film Im Lauf der Zeit, mit Paris Texas gewann er vor genau 30 Jahren die Goldene Palme (was seither keinem deutschen Regisseur mehr gelang). Immer wieder war er im Wettbewerb vertreten, zuletzt 2008 mit Palermo Shooting. Doch die Erwartungen an den "neuen Wenders" haben im Lauf der Jahre stark nachgelassen. Dass er mit dem Dokumentarfilm The Salt of the Earth nun nicht im Wettbewerb, sondern ebenfalls "nur“ in der Nebensektion Certain regard lief, fand deshalb auch niemand der Aufregung wert. Doch auch Wenders überraschte das Publikum in Cannes, das aber im Positiven.
 
In The Salt of the Earth porträtiert Wenders den brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado, der mit seinem sozialdokumentarischen Werk berühmt wurde. Wenders führte die Regie zusammen mit Salgados Sohn Juliano. So sind es im Endeffekt drei Stimmen und drei Perspektiven, die den Film ausmachen: Wenders erzählt von seinem kennenlernen, zuerst des Werkes und dann des Mannes; der Sohn gibt kurze biografische Einsichten aus seinem Blickwinkel frei; zu 80 Prozent aber gehört der Film ganz Salgado Senior, seinen Fotos und seinen Geschichten dazu.
 
Einerseits folgt der Film klassisch der Chronologie der Ereignisse, von Salgados Aufwachsen in Brasilien über das Exil in Paris bis zur Entdeckung seiner Liebe zur Fotografie und den damit verbundenen Reisen und Fotoprojekten. Parallel zur Werkbiografie aber entsteht auch ein faszinierendes Bild der vergangenen 50 Jahre: Von den Hungerkrisen im Afrika der 70er über die Armut im Südamerika der 80er bis hin zu den Flüchtlingskrisen in der Sahelzone und dem Völkermord in Ruanda in den 90ern.
 
Während der Film eine Vielzahl der großartigen Aufnahmen Salgados passieren lässt, spricht dieser selbst sehr eindringlich über seine – sehr klaren – Erinnerungen an einzelne Umstände. Und davon, wie er von der Erschütterung angesichts des photographierten menschengemachten Elends schließlich doch wieder zurückfand zu Projekten, die ihn an die Menschheit wieder glauben lassen. Auch wenn vor allem Wenders’ Kommentar in einzelnen Sätzen die Grenze zum Humanismuskitsch überschreitet, ist Wenders ein ungeheuer kraft- und stilvolles Porträt gelungen. Es beeindruckt nachhaltig sowohl durch die persönliche Strahlkraft des porträtierten Salgado als auch durch dessen sozialkritische Photographie.

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