Auf dem Weg zur Königsklasse

Seinen Drehbuchautoren hat er stets eingeschärft: "First, let`s make it dull, like in real life – and then we do the complete opposite" €. Das Mandat seiner Filme besteht mithin darin, die Banalität zu übertrumpfen. Mit dem üblichen Lauf der Dinge will sich dieser Erzfeind von Langeweile und Vulgarität nicht zufriedengeben. Aber gilt das bereits für Ernst Lubitsch' frühe Filme - für die stummen, die er noch in Deutschland drehte und für die ersten, in denen er in Hollywood das Reservoir des Tons ausschöpfte?

In den diesjährigen "Berlinale Classics" lässt sich das anhand zweier sehr musikalischer Filme aus den 1920er Jahren überprüfen. Gestern, am Sonntagmorgen, lief mit Live-Begleitung "Kohlhiesels Töchter", der größte Kassenerfolg seiner Anfangsjahre. Ab heute kommt "The Love Parade" zur Aufführung, sein erstes Musical. Wenn man so will, erzählen beide "Der Widerspenstigen Zähmung" nach, was heute nicht unbedingt mehr eine Empfehlung sein muss, aber auf dankbares Gelächter stieß, als Rainer Rother den gestrigen Film als eine bayrische Shakespeare-Variante ankündigte.

Mag man diesen Meister der erlesenen Weltflucht, diesen Utopisten raffinierter Romantik heute noch als Zeitgenossen entdecken können? Zur Einstimmung (oder als Nachklang der Berlinale - die Mediathek ist geduldig) empfehle ich die "Lange Nacht" , die Martina Müller für den Deutschlandfunk konzipiert hat (https://www.deutschlandfunkkultur.de/ernst-lubitsch-102.html) und in der sie 160 Minuten lang einen Regisseur porträtiert, der in Zeiten von Wirtschaftskrise und drohendem Weltkrieg erhaben leichtfertige Liebeskomödien drehte.

In Zeiten wie diesen

Früher, als der WDR noch eine Filmredaktion hatte, drehte Martina Müller ambitionierte Dokumentationen (für "Den schönen guten Waren" über Max Ophüls bekam sie einen Grimme-Preis), heute gestaltet sie nicht weniger ehrgeizige Radiofeatures. Bei Lubitsch geht es ja gern auch um die Frage deutschen Anspruchs auf Weltgeltung und in dieser Hinsicht ist ihr mit der oscarnominierten Sandra Hüller als Sprecherin ein veritabler Coup gelungen. Jens Harzer, der stets den richtigen Ton diesseits der Süffisanz findet, ist ihr Gegenpart im Kommentar, während Florian Lukas den Regisseur in Selbstzeugnissen als Buletten-Berlin mit nonchalantem "J" statt "G" spricht. Einmal, als Harzer einen delikaten Moment aus "To be or not to be" schildern soll, verhaspelt er sich grandios: Er kann das Lachen einfach nicht unterdrücken, sagt: "Die Szene ist unglaublich!", bevor er wieder in seinen Erzählerrolle zurückfindet. Schön, dass niemand auf die Idee kam, den Patzer herauszuschneiden.

Die Sendung begibt sich ganz ins Schlepptau einiger der Klassiker Lubitsch' aus den 30er und 40er Jahren, darunter" "Trouble in Paradiese" , der den ausführlichen Einstieg bildet. Den Beginn seiner Karriere am Theater und im stummen Kino resümiert sie in Windeseile. Sie will herausarbeiten, worin sein berühmter "Touch" besteht. Der Originalton der Filme, ihre deutsche Synchronisation und die eigene Nacherzählung verwickelt sie in eine Zwiesprache, die auf die Dauer indes ein wenig redundant wird. Aber tragen lassen kann man sich getrost vom Witz der Filme, deren Dialogpointen sitzen, deren Ellipsen die Phantasie anspornen und deren Kameraoperationen von erlesenem Raffinement sind: "So funktioniert die Königsklasse im Kino!" Lubitsch macht sein Publikum zum Komplizen, der den Charakteren immer einen Schritt voraus ist. Es durchschaut die Tricks und fällt zum eigenen Vergnügen jedesmal auf sie herein. Der endgültige Film entsteht im Kopf der Zuschauerinnen und Zuschauer.

Martina Müllers Blick gebricht es an Zeitgeistopportunismus. Unbeirrt betrachtet sie sein Werk aus sich heraus und aus dem Pakt, den es mit dem Publikum schließt. Zudem ist sie ein unermüdliches Trüffelschwein. Tonaufnahmen von Oscar-Verleihungen oder Lubitsch' Selbstzeugnissen mögen nicht ganz so schwer aufzutreiben sein. Aber das Interview, das Cecil B. DeMille für sein "Lux Radio Theater" mit dem Kollegen führt, ist eine wirklich hübsche Trouvaille. Das gilt erst recht für die Werbeslogans des Uhrenherstellers Gruen, für dessen Produkte der Regisseur ein besonderes Faible besaß. Über seine Besuche in Moskau – es sind gleich zwei, der fand 1936 während Lubitsch' Hochzeitsreise statt, der zweite im Jahr darauf -, weiß man noch wenig. Er unternahm sie nicht zuletzt, um seinen dort im Exil lebenden Freund Gustav von Wangenheim wieder zu treffen, der in "Kohlhiesels Töchter" einen der Bewerber um die Gunst der Titelheldinnen spielt. Selbstredend waren diese Reisen eine exzellente Vorbereitung für "Ninotschka" . Der alte Freund weiß zu berichten, dass Lubitsch bei der Mai-Parade er nur wenige Plätze entfernt von Stalin saß.

Ein Lacher ist nie zu verachten

In seiner Monographie über den Regisseur erklärt Herman G. Weinberg der Leserschaft das Setting von "Kohlhiesels Töchter" folgendermaßen: Die Bayern sind die Neapolitaner Deutschlands. Das ist vielleicht etwas zu viel der Ehre, aber als Chiffre für Urwüchsigkeit kann man es durchgehen lasen. Wir befinden uns in dieser Komödie ohnehin auf dem Terrain der Folklore.

Ein deftiger Bauernschwank, in dem kaum Bauern vorkommen - Lubitsch noch vor dem Touch, aber die Pointen sitzen 1920 schon. Das Publikum ging am Sonntag ausgelassen mit, zumal es einen weiteren Komplizen gibt. Diego Ramon Rodriguez hat eine neue Partitur geschrieben, die vergnügt Akzente setzt: Schuhplattler mit iberischem Temperament. Die ursprüngliche Musik von Giuseppe Becce (nein, kein Neapolitaner) hat er nicht ganz aus den Ohren verloren. Wiederum spielten Mitglieder der Berliner Philharmoniker auf, ich glaube, es ist die gleiche verschworene Bande, die im letzten Jahr Werner Hochbaums "Brüder" lautstark vertonte.

Die neue Restaurierung in 4k zeigt, was in alten, verschlissenen Kopien unsichtbar bleibt. Christine von Wahlert von der Murnau Stiftung wies zuvor auf ein Beispiel hin, einen Schneeball, der an Emil Jannings Lippen heften bleibt. Die Sinne waren bestens geschärft, das Vertraute konnte neu betrachtet werden. Das Stück ist ein Dauerbrenner, Henny Porten hat die doppelte Paraderolle zwei Jahrzehnte später noch einmal gespielt, aus dem Fernsehen ist vor allem die Version mit Lilo Pulver bekannt. Dass dies ein echter Lubitsch ist, wird gleich zu Beginn deutlich, denn ganz ohne Paris geht es auch in dieser voralpinen Sittenkomödie nicht. Die fesche Gretel ersteht von einem fliegenden Händler eine Brosche, um sich mit Pariser Flair zu schmücken. Das ist ein wenig vergeblich (es bemerkt keiner) und recht eigentlich überflüssig (sie ist ohnehin diejenige, der die Herzen zufliegen), aber der Regisseur und seine Protagonistin hängen an der Preziose. Die ungehobelte, rabauzige Liesel hingegen wird sich erst später heraus schmücken. Da sie ein paar Minuten älter als die Zwillingsschwester ist, muss sie als erste verheiratet werden. Seppl (Gustav von Wangenheim), der heimlich in die Jüngere verliebt ist, macht sich die Reihenfolge listig zunutze. Er wirft seinen Rivalen Xaver (Emil Jannings, der mich zuweilen an Markus Söder erinnerte) aus dem Rennen, indem er ihm vorschlägt, er solle erst die Ältere heiraten und sich dann eben wieder scheiden zu lassen. Aber das rauflustige Paar findet sich bald – eine wechselseitige Zähmung -, sie passen zueinander. Am Abend nach der Vorführung traf ich eine entzückte Zuschauerin, der ungemein gefiel, wie Jannings seine Partnerin im Huckepack trägt. Kein Zweifel, meinte sie, die werden großartigen Sex haben. Das darf man im Hinterkopf getrost behalten, wenn arte die Restaurierung am 27. Mai ausstrahlt.

Zweihundert Prozent

In "The Love Parade" erfindet er 1929 ein neues Genre, eigentlich sogar eine neue Sprache. Über die Möglichkeiten der Filmoperetten hat er schon im stummen Kino nachgedacht. Nun stehen im sämtliche Mittel zu Verfügung. Während die Konkurrenz noch "100 Percent Talking Pictures" bewirbt, verdoppelt Lubitsch den Einsatz. (Dank an Michael Esser, bei dem ich die Überschrift stibitzt habe.) Ihm genügt es nicht, dass die Bilder nur sprechen, sie sollen singen und tanzen.

In den folgenden Operetten mit Maurice Chevalier und Jeanette MacDonald wird er das Tempo noch einmal mächtig anziehen, aber blitzgescheit ist die Kamera schon hier. Anders als in den meisten frühen Musicals, die schlicht Revuefilme waren, sind die Songs ein integraler Teil; sie erzählen die Geschichte als noch beschwingtere Dialoge weiter. Wiederum sind es Pariser Esprit und Leichtfüßigkeit, die den Auftakt geben. Besser: den Ansporn. Der Schwerenöter Graf Alfred (Chevalier), seines Zeichens Botschafter von Sylvanien an der Seine, wird nach zahlreichen Affären zurückbeordert an den Hof, wo er sich vor Königin Louise (MacDonald) rechtfertigen soll. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, erkennen einander als Souveräne der exquisiten Anzüglichkeiten, die Lust und Sinnenfreude verbinden wird. Aber wenn sie ein so prächtiges Gespann bilden - wo bleibt da bloß der Konflikt?

Lubitsch und seine Autoren lassen sich vergnüglich viel Zeit mit ihm. Er kündigt sich bei der Trauungszeremonie an, als er aufgefordert wird, ein fügsamer Ehemann zu sein. Zwar willigte er nach unerhörtem Zögern ein, aber es gefällt ihm partout nicht, wie der Priester den Bund fürs Leben segnet: "I pronounce you wife and man." Die Reihenfolge kränkt seine männliche Eitelkeit. Schlechte Auguren für den Prinzgemahl, denn fortan verdammt ihn das höfische Protokoll zum Nichtstun. Die royalen Liebesnächte mögen köstlich sein, aber die Tage werden zum erbitterten Tauziehen. Graf Alfred tritt in Liebesstreik, um seinen Anspruch zu erstreiten, auch in Staatsangelegenheiten mitzureden. Die Geschlechterpolitik der "Liebesparade" ist nicht von dieser Welt. Aber das Wiedersehen mit ihr zerstreut das Vorurteil, MacDonald sei immer der steifere, treuherzigere Teil der Partnerschaft. Als Komödiantin ist sie Chevalier ebenbürtig. Die Zwei schenken sich nichts, aber geben einander alles.

 

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