Die Hellhörige

»Zama« (2017). © Grandfilm

Das Grundrauschen ihres Kinos ist ein Grollen. In all ihren Filmen ist zu hören, wie sich ein Gewitter dräuend ankündigt. Sie heben erst einmal atmosphärisch an, bevor sie Anstalten machen, eine Geschichten erzählen. Diese Regisseurin ist auf besondere Weise empfänglich für die Witterung, in deren Wankelmut ja bereits eine enorme Dynamik stecken kann.

Gelegentlich entladen sich diese Gewitter zwar gleich zu Beginn von Lucrecia Martels Filmen. Regen prasselt plötzlich, kurz und heftig herunter. Als dramaturgisches Element haben die Wolkenbrüche damit ihre Rolle jedoch noch nicht ausgespielt. Die Anspannung bleibt bestehen. Und als Metapher einer unerlösten Gesellschaft sind sie weiterhin gültig. Diese agile Einbindung der Elemente lässt alles Symbolhafte in ihren Filmen bewundernswert beiläufig erscheinen. Der Titel stiftende, verschlingende Morast in ihrem Langfilmdebüt »La Cinénaga« ist keine naive, sondern vielmehr wachsame Grundierung ihres Porträts einer lethargischen, unerlösten Provinzbourgeoisie.

Selbstverständlich gibt es viel zu sehen in den Filmen der argentinischen Regisseurin. Ihre Bildsprache besitzt gewaltige Beredsamkeit. Davon kann man sich gerade in der Werkschau überzeugen, die auf den Festivals von La Rochelle und München zirkulierte und ab heute (4.7.) im Berliner Arsenal sowie ab dem 12. 7. im Filmhaus Nürnberg läuft. Martel ist eine eigenwillige Stilistin, die klug mit der Fragmentierung und Begrenzung des filmischen Raums operiert. In der nächsten Woche, wenn ihr vierter Film »Zama« startet, lässt sich dies bundesweit entdecken. (Patrick Seyboth hat eine schöne Kritik in der aktuellen Ausgabe von epd Film geschrieben.) Es ist ihr erster waschechter Breitwandfilm, steckt voller atemberaubender und bezeichnender Landschaftstableaus. Der Ton war bislang immer eine Erweiterung des Bildkaders. Das scheint nun nicht mehr ganz so nötig. Aber auch hier wird der Zuschauer, bei aller Schaulust, als ein aktiver Ohrenzeuge angesprochen.

Die Geräusche der Nacht gebieren in diesem post-kolonialen Fiebertraum mannigfach Gespenster und Phantasien. Zugleich sind sie präsent als ein akustischer Hintergrund, der die tragikomischen Wendungen im Schicksal des Don Diego de Zama kommentiert. Das kündigt sich im Auftakt an, als der Justizbeamte der spanischen Krone einige im Schlamm badende Frauen belauscht, deren Lachen ihm wie Spott in den Ohren klingt. Der Abglanz der Herrschaft wird fortan visuell durch die Menagerie, die sich in den Korridoren der Macht eingenistet hat, verschmitzt unterstrichen. Dieses Bild der Auszehrung kolonialen Hochmuts gewinnt selbstverständlich eine zusätzliche Dimension der lebhaften Geräuschkulisse: Die Natur ist immer da, ihr ist es egal, wer das Land gerade beherrscht.

Ihre Kameraleute wechselt die Filmemacherin häufig, aber ihrem Sounddesigner Guido Berenblum ist sie bislang immer treu geblieben. Das ist gut so. Mit ihm hat sie mentale Landschaften entworfen. Oft treten die Ereignisse erst als Laut aus dem Off in Erscheinung, bevor sie sich visuell Geltung verschaffen in den Tableaus von Begehren und Entfremdung. Die Geräusche rufen die Figuren wach, sind ein Appell, der sich an sie richtet. Mein bisheriger Lieblingsfilm war »La Nina Santa« (Das heilige Mädchen), der fast ausschließlich in einem Badehotel spielt. Er ist ein Meisterwerk filmischer Atmosphäre, eine Erkundung mulmiger Nähe und ebensolcher Obsessionen, die auf eine Katastrophe zuläuft, für die Martel aber einen wunderbar stimmungsvollen Ausklang findet. Ihren nächsten, dritten Film »La Mujer sin cabeza« (»Die kopflose Frau«, der im Arsenal als Berlin-Premiere läuft – ihr Werk ist leider auch auf DVD hier zu Lande noch wenig erschlossen) kenne ich übrigens nur in der spanischen Originalfassung. Ich glaube, ich habe ihn auch ohne Untertitel hinreichend verstanden. Die Musik ist, wie in »Zama«, ironisch und doch tückisch nostalgisch. Die würdelosen Schlager aus den 1970er ("Soleil, Soleil", "Mamy Blue") sind der Soundtrack der Militärdiktatur.

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