Buch-Tipp: Max Reinhardt, Helene Thimig – Briefe im Exil

Von Sorgen ­aufgefressen

Der Regisseur Max Reinhardt hatte die Zeichen der Zeit erkannt und bereits 1937, vor dem sogenannten Anschluss Österreichs, die Entscheidung getroffen, ins Exil zu gehen. Mit seiner Frau Helene Thimig floh er in die USA. Seine Verfilmung von Shakespeares »Sommernachtstraum« war allerdings 1935 ein Misserfolg gewesen und keine gute Voraussetzung für eine Fortsetzung seiner Karriere in den USA. Der Briefwechsel zwischen den Eheleuten von 1937 bis 1943 legt Zeugnis ab von beider Liebe, aber auch von ihren Nöten, Sorgen, Depressionen. Helene Thimig erwies sich wie so viele Frauen der Exilanten als lebenspraktischer: Sie organisierte, machte die Honneurs, kümmerte sich vermeintlich nebenbei noch um ein Auskommen als Komparsin im Filmgeschäft. Reinhardt inszenierte am Broadway, fühlte sich in New York unwohl, seine Schauspielschule ging pleite. Der einstige Regie-Star wurde von Sorgen aufgefressen; diese sind der hauptsächliche Inhalt seiner Briefe, Politik und Zeitgeschichte finden kaum Erwähnung. Stattdessen entfaltet sich ein Panorama jüdisch-europäischer Kultur in den USA der 1930er und 1940er Jahre. Das Ehepaar war gut vernetzt in der Exilanten-Szene, der Komponist Erich Wolfgang Korngold half aus, wo es ging; gemeinsam geplante Projekte kamen trotzdem nicht oder, wie eine Neubearbeitung der »Schönen Helena« (»Helen goes to Troy«) von Jacques Offenbach, erst nach Reinhardts Tod zustande.

Die Edition der Briefe ist vorzüglich, die Anmerkungen haben genau den richtigen Umfang und drängen sich, wie auch die Bebilderung, nicht auf. Max Reinhardt starb 1943 in den USA in den Armen seiner Geliebten Eleonora von Mendelssohn. Helene Thimig kehrte nach Kriegsende zurück in die alte Heimat Österreich und setzte – neben der Rolle als Witwe Max Reinhardts – ihre Karriere als Bühnenschauspielerin fort. Sie war auch – jedenfalls nach den Briefen zu schließen – eine aufmerksamere Beobachterin ihrer Umgebung und ihrer Zeitgenossen als ihr Mann, zu Ironie fähig und oft spitzzüngig. Über die glücklose Schauspielerin Frances Farmer schreibt sie: »Sie sieht völlig verstört aus – ungepflegt – und dick und blödsinnig«, über die Operettendiva Fritzi Massary: »Sie hat ein sehr hübsches Haus und sieht fabelhaft gut und zufrieden aus. So endet doch alles mit Frieden.« Es wird sie betrübt haben, dass ihrem Mann ein zufriedener Lebensabend im Exil nicht vergönnt war.


 

Max Reinhardt; Helene Thimig: Briefe im Exil 1937–1940. Hg. von Edda Fuhrich und Sibylle Zehle. Residenz-Verlag, Salzburg u. a. 2023. 560 S., 40 €.

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