DVD-Tipp: »Acht Stunden sind kein Tag«

Gottfried John in »Acht Stunden sind kein Tag« © Fassbinder Foundation

Gottfried John in »Acht Stunden sind kein Tag« © Fassbinder Foundation

Ach, Jochen!

Es sieht nicht aus wie Fernsehen; selbst nach zeitgenössischen Maßstäben ist das hier etwas Besonderes. Blitzartige Zooms. Blicke aus Kniehöhe, über Couchtische, zwischen Schnapsflaschen und Blumenarrangements hindurch. Tief gestaffelte Einstellungen im Wechsel mit fließenden Sequenzen, die Figurengruppen in Innenräumen umspielen. Auf der Berlinale wurde Rainer Werner Fassbinders TV-Serie »Acht Stunden sind kein Tag« in einer von der Fassbinder Foundation und dem New Yorker MoMa restaurierten Fassung auf der großen Leinwand gezeigt. Und ich wage mal die Behauptung: »The Walking Dead« oder »Game of Thrones« würden trotz höherer production values im visuellen Direktvergleich alt wirken – oder jedenfalls: vorhersehbar und durchgetaktet.

»Acht Stunden sind kein Tag« war ein Experiment des WDR; fünf Folgen zu rund neunzig Minuten wurden Anfang der Siebziger zur Primetime ausgestrahlt, dann war Schluss, trotz guter Quoten. Dass die Show Legende ist, liegt nicht nur daran, dass man sie nach dem ersten »Schock« kaum mehr zu sehen bekam. Fassbinder, erst 26, war damals bereits mit seiner berühmten Family am Werk und arbeitete wie besessen fürs Kino. Den Fernsehauftrag muss er aber ernst genommen haben. Zumindest erzählerisch unterwarf er sich in »Acht Stunden« den Gesetzen des »unedleren« Mediums: Er fabrizierte hemmungslos Kolportage, eine Seifenoper de luxe.

»Acht Stunden sind kein Tag« (1972). © Studiocanal

Jochen, Werkzeugmacher in einer Kölner Maschinenfabrik, und Marion, die in der Anzeigenabteilung einer Tageszeitung arbeitet, stehen im Mittelpunkt einer Geschichte, die jede Menge Personal in Klassen-, Familien- und Geschlechterkonflikte verstrickt und lehrstückhaft vorführt, wie man im Betrieb seine Rechte durchsetzt, eine Kita gründet, den autoritären Sack loswird, den man aus unklaren Gründen geheiratet hat, oder eine Beziehung auf Augenhöhe führt. Der Ton reicht von melodramatisch bis grobkomisch, der Zuckergehalt – Luise Ullrich in der Rolle der patenten Oma – ist so hoch, dass man eine Karieswarnung ausgeben müsste, und jeder wichtige Satz wird so oft gesagt, dass auch der Zerstreuteste ihn irgendwann mitkriegt. »Acht Stunden« war nicht für die Kritiker gemacht, sondern für genau die Leute, die in der Serie gezeigt wurden – Arbeiter, Angestellte, vom Job entnervtes Feierabendpublikum. Die lower classes waren zwar auch im »Kommissar« oder den »Unverbesserlichen« schon vorgekommen – aber eher in Form von zu betreuenden Sozialfällen, nicht wie Gottfried John und seine Kumpels als coole Helden der »proletarischen Selbstorganisation« oder wie Hanna Schygulla als hocherotische Protagonistin eines entspannten Präfeminismus.

Und natürlich sorgte Fassbinder dann doch dafür, dass »Acht Stunden« über die Konventionen des Formats hinauswies. Die Manierismen seiner Stammschauspieler und der Brecht'sche Ton der Arbeiterkampfszenen geben der Serie etwas Künstliches, das sich wohltuend vom uniform-realistischen Erzählmodus auch neuzeitlicher Fernsehproduktionen abhebt. Zugleich erzeugt die Inszenierung verblüffende Momente vitaler Sinnlichkeit: Sie führt durch Stripshows und verschwitzte Kneipen, lässt die bizarren Zimmerpflanzen der Ära – Monstera, Asparagus – ins Bild wuchern oder beim Familienessen im Hintergrund die Tür zum Klo offen stehen; sie kriecht in einer späten Folge, wenn sich die Kamera von Dietrich Lohmann so richtig locker gemacht hat, lustvoll in die geölten Eingeweide der Maschinen in Jochens Betrieb oder verfolgt die Arbeiter unter die Werksdusche, wo's dann auch ein paar Penisse zu sehen gibt (weil das halt so ist, wenn Männer duschen).

»Acht Stunden sind kein Tag« (1972). © Studiocanal

Das Schönste an der Serie aber ist: die Liebe. Fassbinder hofft und wünscht, dass es den Menschen, die er durch Krisen und Kräche steuert, irgendwie doch gut geht. Das hat nichts zu tun mit dem Gesetz, dass es in solchen Serien ein Happy End geben muss – es ist eine Haltung, zur Welt, zur Gesellschaft. Am deutlichsten zeigt sie sich in den verträumten, oft extremen Close-ups, die der Regisseur seinen Schauspielern schenkt, allen voran die damals noch unbekannte, überirdisch nonchalante Schygulla. Aber irgendwann kriegt jeder so eine zärtliche Aufnahme ab, Jochen, Oma und Opa, die Kids, die Kerle, selbst Irm Hermann als Überzicke oder Kurt Raab als Familienekel. In einer Zeit, in der sich Premiumserien aller Couleur um den Titel »Ätzendstes Figuren­ensemble aller Zeiten« bewerben, könnte diese Zugewandtheit schon wieder eine Provokation sein.

 


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3 DVDs, 478 Min.
VÖ: 13. Februar 2017

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