32. Il Cinema Ritrovato Bologna

Die Welt zu Gast im Kino
»Geheimnisvolle Tiefe« (1949). © Deutsches Filminstitut

»Geheimnisvolle Tiefe« (1949). © Deutsches Filminstitut

Vom Classical Hollywood über Lateinamerika bis Afrika: Beim 32. Il Cinema Ritrovato in Bologna jagte eine cineastische Entdeckung die andere – Filme, die so divers sind wie ihr Publikum

»Ich hoffe, Sie erwarten hier kein Meisterwerk.« Als bestenfalls »bizarr« beschrieb Stefan Drössler vom Münchner Filmmuseum in seiner Einführung den Film »Geheimnisvolle Tiefe« von 1949. G. W. Pabsts größter Nachkriegsflop erschien seinerzeit aufgrund fragwürdiger Qualität nur mit großer Verzögerung und um 20 Minuten gekürzt in Deutschland. In einer schönen digitalen Restaurierung erreichte nun die lange verloren geglaubte österreichische Premierenfassung die Leinwand von Il Cinema Ritrovato in der Reihe »Censored, Recovered, Restored«.

Nun zeigen Festivals im Normalfall ungern schlechte Filme, auch in Bologna gilt dieser Grundsatz. Das etwas unorthodoxe Beispiel veranschaulicht aber gut, dass das von der Cineteca di Bologna veranstaltete Festival als Vehikel des archivarischen Grundsatzes agiert, Filme nicht bloß zu erhalten und zu sichern, sondern auch sichtbar zu machen – selbst wenn sie wie Pabsts Werk pompös und furchtbar chauvinistisch daherkommen. Deutlich ansprechender in der Reihe war der in herrlichen Pastellfarben eingefangene, zunächst sommerlich-leichte Coming-of-Age-Film »Boy and Girl«, der durch eine ungewollte Schwangerschaft dramatisch wird. Regisseur Jurij Fajt präsentierte selbst den Mitte der 1960er kaum vertriebenen Film, dessen zensierte Szene er eigenhändig aus der Vorführkammer stahl. »Das Leben des Matthäus« fand wegen des Abbruchs der Cannes-Filmfestspiele 1968 überhaupt nicht zum Publikum. Der visuell meisterlich komponierte Film fängt seinen simpel gestrickten Protagonisten Mateusz in der Leere eines ländlichen Lebensumfeldes ein, wo er mit kindlichem Moralkodex und naiver Impulsivität die Welt befragt.

Der historische Fokus von Il Cinema Ri­trovato zieht eine enge Zusammenarbeit mit Filmarchiven aus aller Welt nach sich, um vergessene Titel oder neue Restaurierungen präsentieren zu können. Nicht umsonst ist das Festival auch zu einer Art Branchentreff geworden, und die FIAF Summer School des Archivverbundes Fédération Internationale des Archives du Film zu einem wiederkehrenden Element. Entsprechend technik-lastig – aber interessant – waren manche Vorträge zu Spezifika der Restaurierungsarbeit. Viele der gezeigten Filme, sofern es sich nicht um frische Restaurierungen handelte, waren auf echtem Filmmaterial zu sehen. Fans filmischer Materialität kamen besonders bei der im dritten Jahr stattfindenden Show der Technicolor Reference Collection des Academy Film Archive auf ihre Kosten. Diesmal gab es sieben Beispielsequenzen aus den finalen Jahren der Technik (1970–1974), bei denen das trashige Finale des B-Movies »Sssssss« gleichberechtigt neben der Anfangssequenz des glamourösen Musicals »Cabaret« stand. Hier wird der Kinosaal wahrlich zum Museum.

Zu den engsten Kollaborateuren des Festivals gehört die Film Foundation, deren Präsident und Gründer Martin Scorsese erstmals das Festival besuchte. Neben einem Werkstattgespräch mit italienischen Filmschaffenden im Teatro di Bologna präsentierte der Amerikaner die Restaurierung des mexikanischen Klassikers »Enamorada«. Die Geschichte um einen Rebellengeneral, der sich nach einer Aristokratentochter verzehrt, unterhielt mal lustig, mal ernst gemeint Tausende Menschen auf der Piazza Maggiore. Die Freiluftkino-Projektionen vor malerischer Kulisse haben Festivaltradition und wirken als Aushängeschild und Publikumsmagnet. Den neorealistischen Klassiker »Fahrraddiebe« gab es hier ebenso zu sehen wie Sergio Leones »Spiel mir das Lied vom Tod« oder »Scheidung auf Italienisch«, das Highlight der Marcello-Mastroianni-Retrospektive, in einer frischen 4K-Restaurierung der Cineteca.

Unter den weiteren Sparten des Festivals bot Cinemalibero wohl das exotischste und spannendste Programm mit Filmen, die so unterschiedlich sind wie ihre Herkunft. Weltpremiere feierte die restaurierte Fassung von Hector Babencos »Pixote – Survival of the Weakest«, eine schockierende Milieustudie der urbanen brasilianischen Jugend 1981. »Neocolonialismo y violencia«, der erste Teil der argentinischen Trilogie »La hora de los hornos«, bot hingegen assoziativ montiertes, radikales Revolutionskino. Und in Djibril Diop Mambetys von Dürrenmatts »Besuch der alten Dame« inspiriertem »Hyenas« wird eine senegalesische Dorfgemeinschaft vom Geld einer reich gewordenen Prostituierten ethisch kompromittiert. Mit der Digitalisierung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass solche Filme heute ein interessiertes Publikum erreichen. Aber für die gediegene, teilweise bombastische Aufführung im Kino lohnt sich die Reise nach Bologna allemal.

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