Zum Tod von Paolo Villaggio

Der ewige Buchhalter Paolo Villaggio († 3. Juli 2017 in Rom)

Was ist der Mensch? Ein »gran mascalzon cav grand uff lup mann pezzo di merd«. Jedenfalls nach Meinung eines gewissen Ugo Fantozzi, Buchhalter, Menschenfeind, Angsthase und Tyrann, unwiderstehlicher Magnet des Missgeschicks. Das ist aus linguistischen ebenso wie aus Gründen des literarischen Anstands nicht zu übersetzen. Aber auch jemandem, der diesen Fluch nicht ins Italienische noch in sonst eine kultivierte Sprache übertragen mag, ist ziemlich klar: Dieser kleine, korpulente Mann mit den fahrigen Bewegungen und den schläfrig-listigen Augen, der immer am liebsten in sich selbst hinein sinken möchte, dessen Mundwinkel so schlecht gelaunt tief hängen, dass sie beinahe die weit über den Bauch hochgezogene und von dicken Trägern gehaltenen Hosen berührt, und der auf jede Störung von außen mit einer genuschelten Gemeinheit reagiert, der mag seine Zeitgenossen nicht besonders. Er mag die Mächtigen und die Reichen nicht, natürlich nicht, aber die Armen mag er genau so wenig wie die unteren Kleinbürger, zu denen er selbst gehört. Dieser Mann ist komisch, aber auf dem Grund einer tiefen Verzweiflung, aus einem bitteren Zorn heraus.

Fantozzi ist die Figur, die den Komiker, Autor und Schauspieler Paolo Villaggio zu einer Seele der Italienischkeit machte, im guten wie im schlechten. Er verkörperte sie auf der Bühne, in Radio und Fernsehen, er schrieb Bücher aus seiner Perspektive und begleitete die italienische Gesellschaft in Zeitschriften- und Zeitungskolumnen von den Boom-Jahren der Endsechziger bis zur Dauerkrise nach dem Millenium. Randvoll mit bornierten Vorurteilen, absurden Klugscheißereien, kreativer Ignoranz und überraschenden Wahrheiten. So etwas kommt nicht von ungefähr:

Paolo Villaggio wurde 1932 als Sohn eines Ingenieurs und einer Deutschlehrerin in Genua geboren und verbrachte zusammen mit seinem Zwillingsbruder Piero eine einigermaßen unbeschwerte Jugend, vornehmlich am Strand. Aber dann, als er die bürgerliche Laufbahn einschlagen sollte, wie sein vorbildlicher Bruder, der nach glänzendem Studium Ingenieur wie der Vater wurde, ging die Sache schief: Paolo war lieber in Kabaretts unterwegs und liebte es mehr, den Menschen bei Arbeit und Geschäft zuzusehen, als selber Teil der Maschine zu werden. Half nichts. Nach dem Willen des Vaters und mit seiner Protektion musste er einen Posten in einer berühmten genueser Firma annehmen. Dort, Legende oder Wahrheit, hatte Paolo Villaggio Gelegenheit, einen gewissen Bianchi zu beobachten, der als Buchhalter in einem finsteren Loch im Souterrain arbeitete und irgendwie auch lebte, Zahlenkolonnen hin und herschob und jeden Vorgesetzten mit so viel Unterwürfigkeit bediente wie er Bittsteller und Kollegen maltraitierte. Das Vorbild von Fantozzi, den Paolo Villaggio am Abend auf die »schmutzigen Kabarett-Bühnen« brachte, mit wüstem Zorn und zur großen Erheiterung des Publikums. Es war Maurizio Costanza (später eine Schlüsselfigur im italienischen Fernsehen), der ihn da entdeckte und nach Rom einlud. Paolo Villaggio und seine Figuren, neben dem Fantozzi etwa ein feinbefrackter »Professor Kranz«, dessen Spezialität es war, das Publikum zu beschimpfen, wanderte von der Bühne zum Radio, von dort zum Fernsehen, und schließlich kam Fantozzi, nachdem Villaggio ein paar Nebenrollen gespielt hatte, auch auf die große Leinwand. Luciano Salces »Fantozzi« (1975), dem »Rag. Arturo De Fanti bancario precario« (1980) vom selben Regisseur folgte, waren noch böse soziologische Satiren auf die Täter und Opfer der Boom-Jahre. Dieser Mann, leidend unter der gottähnlichen Macht seines Chefs, (der einen Sessel aus Menschenhaut besitzt), unter einer Familie, die genau so gnadenlos auf seine Tyrannei reagierte wie er sie zu unterjochen versuchte, und unter Verhältnissen, die ihm immer wieder seinen Größenwahn und seine Minderwertigkeit zurückspiegelten, war eine Seele des modernisierten Italiens. Jeder kannte einen Fantozzi in der Familie oder in der Nachbarschaft, manch einer war selber einer und wollte sich doch ausschütten vor Lachen. »Fantozziono«, das Fantozzihafte, wurde zu einem offiziellen Eintrag im italienischen Wörterbuch.

Mit »Fantozzi contro tutti« (1980), dem dritten Film, bei dem zum ersten mal Milena Vukotic die Ehefrau spielte, war Fantozzi indes schon zu einer Mainstream-Ikone geworden. Die kritischen Aspekte in der Zeichnung eines Monsters der Banalität traten in den Hintergrund; Slapstick und ein gewisser Genuss an der reggressiven Aura machten die Fantozzi-Filme zu einem Genuss für die ganze Familie. Nicht, dass die Maske eines zutiefst pessimistischen anarchischen Komikers, der sein Publikum gern treffen wollte, wo’s weh tut, gänzlich verschwunden war. Neben den insgesamt zehn Fantozzi-Filmen entstanden schließlich Bücher und Artikel mit der Fantozzi-Rhetorik, die die ganze aus Biographie, Beobachtung und politischer Wachsamkeit gebildete Bosheit fortsetzten. Trotzdem liebten die Italiener Fantozzi schließlich mehr, als dass sie vor seiner grotesken Selbstüberhebung erschrecken wollten.

Aber Paolo Villaggio war beileibe nicht nur Fantozzi. Eine Reihe von Regisseuren nutzten seine Fähigkeit, mit wenigen Zügen eine Figur bis ins Innerste sichtbar zu machen. Zu den Filmemachern, die ihn einsetzten (wohl wissend, dass sie sich dabei auch die Zusammenarbeit mit einer nicht ganz einfachen Persönlichkeit einhandelten, die sich nie ganz und gar mit dem »Darstellen« zufrieden gab) gehören Mario Monicell, Neri Parenti, Pupi Avati, Lina Wertmüller, Ermano OImi und  schließlich Federico Fellini, in dessen letztem Film, »La Voce della Luna«, er an der Seite von Roberto Benigni eine seiner schönsten Rollen spielte, den missmutigen »Präfekten«, der in der lärmenden Welt nur noch eine gewaltige Verschwörung vermuten kann.

Paolo Villaggio war nicht nur Komiker, Schauspieler und Theatermann, sondern auch ein geachteter Intellektueller (den der Weg von der Kommunistischen Partei zu Beppe Grillos 5Stelle-Bewegung führte) und Schriftsteller. Geachtet jedenfalls in Italien oder auch in Russland. Dort gehörte Jewgeni Jewtuschenko zu seinen Bewunderern, der in seinen Erzählungen eine Mischung aus Tschechow und Gogol entdeckte. Hierzuland hat man weder den Schauspieler noch den Dichter Villaggio wirklich wahrgenommen. Schlimm genug – für uns.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns