Duisburger Filmwoche 2017: Filme und Debatten

»Kaputt« (2017)

»Kaputt« (2017)

Wenn man in Kategorien des Nationalen denkt, dann war die diesjährige Duisburger Filmwoche für Österreich ein Triumph. Drei der fünf Auszeichnungen des dem deutschsprachigen Dokumentarfilm gewidmeten Festivals gingen dorthin

Aus Österreich kam auch die Nachwuchs-Carte-Blanche für das schon auf der Diagonale in Graz prämierte brillante Kurzstück »Spielfeld« der Filmstudentinnen Kristina Schranz und Caroline Spreitzenbart über den gleichnamigen Grenz­ort an der Balkanroute im Wartezustand in der Stille nach dem großen Ansturm. Flavio Marchettis mit dem 3sat-Preis ausgezeichneter Dokumentarfilm über das Wiener Tierschutzhaus, »Tiere und andere Menschen«, bekommt mit viel Humor und üppig bestücktem Bestiarium sicherlich auch bei uns einen Verleih.

Der arte-Preis ging an »Atelier de Conversation«, in dem Bernhard Braunstein eine Konversationsgruppe im Pariser Centre Pompidou zeigt, die von Nicht-Franzosen unterschiedlichster geografischer und sozialer Herkunft zum sprachlichen und argumentativen Austausch genutzt wird. So sitzen sich Arbeitsmigranten, Studentinnen, Wissenschaftler und Flüchtlinge im Stuhlkreis gegenüber und reden über Sehnsüchte oder die Rolle der Frau: eine keinesfalls konfliktfreie Versuchsstation gleichberechtigten interkulturellen Austauschs, die in einer ausgeklügelten minimalistischen Montage präsentiert wird. Mit seiner brillanten Verknüpfung von filmischer Form und Sujet steht Braunsteins Film exemplarisch für eine Interpretation des diesjährige Mottos »wahl der mittel«. Diese reichen bei den insgesamt 26 von der Auswahlkommission um Festivalleiter Werner Ružička vorgestellten Arbeiten sehr weit – bis zum kleinen Wunder einer aus der Rumpelkammer geholten Probeaufnahme. Das kommt von der in Duisburg lebenden Anna Irma Hilfrich, die vor vielen Jahren eher zufällig und spielerisch eine Haarschneide-Session mit ihrer Mutter mit dem Camcorder aufgezeichnet hatte. Sieben Jahre lag das Material im Schrank, bis die Filmemacherin es bei einer Recherche ausgrub und aus der zeitlichen Distanz das Potenzial erkannte zu einem Film (Kaputt), der nun in der Länge eines Haarschnitts wie beiläufig Substanzielles zu Arbeit, Migration, Familie und Inszenierung erzählt.

Manchmal sind es gerade die groß gedachten Filme, die unter das in Duisburg übliche Reflexionsniveau abfallen. In diesem Jahr war das beispielhaft eine Fernsehproduktion, in der die routinierten Regisseurinnen Judith Keil und Antje Kruska den zwischen demonstrierter Offenherzigkeit und unterstellten Islamismusvorwürfen eingekeilten Berliner Imam Mohamed Taha Sabri porträtieren. »Inschallah« ist ein Stück, das neben seiner aufdringlichen Gutgemeintheit vor allem daran leidet, dass Buch und Regie keine neue Formen finden, die die Bedingungen ihrer Enstehung miterzählen. Ja, offenbar waren Keil/Kruska so sehr in ihrem Abbildrealismus gefangen, dass sie beim Filmgespräch geäußerte Kritik an ihrem filmischen Ansatz nur als politische Verdächtigung ihres Protagonisten verstehen konnten und abblockten.

Ein Tiefpunkt der Debatten, die in Duisburg programmatisch und praktisch gegenüber den Filmen fast gleichgewichtigen Raum einnehmen und denen dieses Jahr sogar eine eigene Veröffentlichung gewidmet war: »AusSichten. Öffentliches Reden über Dokumentarfilm« heißt die lesenswerte Meta-Filmgespräch-Lektüre, in der 17 mit dem Festival verbundene Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichsten Perspektiven über das Filmgespräch jenseits von Q&A schreiben. Das dieses heute in der Praxis meist eher unaufgeregt und sach­orientiert abläuft, mögen manche den heißen Debatten früherer Zeiten nachtrauernde Nostalgiker bedauern. Doch vermutlich ist die gemäßigte Temperatur einfach nur einer reflektierteren filmästhetischen Bildung und abnehmendem Machogehabe zuzuschreiben. Und das ist gut so. 

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