Interview mit Ken Loach über seinen Film »Ich, Daniel Blake«

Ken Loach am Set von »Ich, Daniel Blake« (2016)

Ken Loach am Set von »Ich, Daniel Blake« (2016)

Mr. Loach, als Sie vor zwei Jahren Ihren vorangegangenen Film »Jimmy’s Hall« in Cannes und später hier in Berlin vorstellten, verkündeten Sie, das würde Ihr letzter Spielfilm sein. Was hat Sie bewogen, das nicht wahr zu machen? Waren es die fortgesetzten Gespräche mit Ihrem Drehbuchautor Paul Laverty, das Gefühl, wenn Sie diese Themen nicht anpacken, macht es kein anderer?

Nein, das zu sagen, war einfach dumm. Nachdem ich es einmal gesagt hatte, musste ich es dauernd verteidigen.

Wie kamen Sie auf den Stoff von »Ich, Daniel Blake«?

Paul Laverty, mein Autor seit vielen Jahren, und ich befinden uns in einem ständigen Dialog und tauschen Ideen aus. Über das, was in unserem Land vorgeht und was mit den Menschen passiert. In diesem Fall schauten uns in verschiedenen Städten um, im Mittleren Westen, in den Midlands, im Norden, natürlich auch in London. Wir sprachen mit Menschen, die in Jobcentern gearbeitet hatten, ebenso wie mit solchen, die in Essensausgabestellen tätig waren. Viele wussten davon, viele wollten gerne darüber reden – und doch ist es nicht Teil der öffentlichen Diskussion. Man liest vielleicht einmal etwas in der Zeitung über Essensausgabestellen, aber das macht keine Schlagzeilen und wird schnell vergessen. Paul arbeitete zunächst die beiden Hauptfiguren aus und schrieb dann das Drehbuch.

War Ihnen diese Problematik schon vorher bekannt, oder haben Sie erst in der Vorbereitung die ganze Tragweite erkennen können?

Wir hatten schon ein Bewusstsein davon, aber die ganzen Ausmaße habe ich erst durch die Arbeit am Film kennen gelernt. Paul traf einen Mann, der für ganze drei Jahre sanktioniert wurde, in dieser Zeit also kein Geld bekommt. Dabei handelt es sich um einen hochqualifizierten Fabrikarbeiter, der sich weigerte, das zu machen, was sie ihm anboten. Im Jobcenter sage man ihm nämlich, er müsse dieselbe Arbeit ohne Lohn machen, anderenfalls würde er keine staatliche Unterstützung bekommen. Als er das ablehnte, sanktionierten sie ihn.

Wurde dieses Sanktionssystem zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeführt, oder hat es sich über die Jahre hin entwickelt und ist immer schlimmer geworden?

Es ist schlimmer geworden, aber es existierte auch schon unter der Labour-Regierung. Die großen Veränderungen kamen nach 2010, als die Tories die Wahlen gewannen. Früher konnten die Mitarbeiter in einem Jobcenter den Bildschirm herumdrehen und den Arbeitssuchenden zeigen, was es für Möglichkeiten gab. Heute ist ihnen das verboten.

Dabei werden Sie von ihren Vorgesetzten selber unter Druck gesetzt…

Das ist eine absichtliche Grausamkeit, die dort praktiziert wird. Die Leute, die in den Jobcentern arbeiten, haben Anweisungen, eine bestimmte Anzahl von Menschen zu sanktionieren. Und wenn sie das nicht tun, bekommen sie einen "personal improvement plan", wie sie ihre Arbeit verbessern können - was nichts anderes bedeutet, als mehr Sanktionen zu verhängen. Ihre Vorgabe ist, die Menschen zu entmutigen. Daniel Blake ist einer, der sich nicht entmutigen lässt. In der Realität zeigt sich, dass die Mehrheit der Anfechtungen Erfolg hat. Deshalb versucht man in den Jobcentern alles Mögliche, um die Menschen zu entmutigen.

Eine zentrale Szene des Films ist die in der Essensausgabestelle, wo Katie etwas Schockierendes macht…

Keiner außer der Darstellerin wusste, dass sie das machen würde. Entsprechend sind die Reaktionen von Daniel und der Mitarbeiter der Essensausgabestellen weitgehend improvisiert. Das basierte auf einer wahren Geschichte einer Frau in Glasgow. Dave Johns wusste auch nicht, was Katie später tun wird, um Geld zu verdienen. Umgekehrt wusste sie nicht, was mit ihm am Ende passieren wird – so konnte ich jedes Mal ihre unmittelbaren, unverstellten Reaktionen auf Zelluloid festhalten.

Ihre Geschichte spielt im nordenglischen Newcastle. Was bringt diese Stadt Besonderes mit?

Es ist eine Stadt des Widerstands, mit einer starken linken Tradition, noch aus der Zeit, als es hier Minen- und Werftarbeiter gab. Diese traditionellen Industrien sind mittlerweile verschwunden. In Großbritannien ist immer mehr privatisiert worden, Eisenbahnen, die Krankenhäuser, selbst unsere Post, die Royal Mail. Bei den Eisenbahnen etwa zahlt der Staat heute mehr an die privaten Betreiber als er an Ausgaben hatte zu den Zeiten, wo er diese Unternehmen selbst betrieb.

Als vor 50 Jahren Ihr Film »Cathy Come Home« im Fernsehen ausgestrahlt wurde, bewirkte das eine Debatte im Parlament über die Wohnsituation, der Gesetzesänderungen folgten. Wäre es heute noch vorstellbar, dass Parlamentsabgeordnete sagen, was »Ich, Daniel Blake« zeigt, müssen wir auf die Tagesordnung setzen?

Der Film ist in Großbritannien erst vor wenigen Tagen angelaufen. Die Labour Party unter ihrem neuen Vorsitzenden Jeremy Corbyn hat angekündigt, dass sie das System der Sanktionen abschaffen will.

Hat er dabei die ganze Partei hinter sich?

Die Mitglieder ja, aber nicht alle Parlamentsabgeordneten. Die kamen ins Parlament unter Blair und sind eher rechte Sozialdemokraten. Allerdings hat sich die Mitgliederzahl von 190.000 auf 600.000 erhöht, das ist schon bemerkenswert. Mit Corbyn haben sie zum ersten Mal einen Parteivorsitzenden, der selber in Streikketten gestanden hat. Ich würde sagen, damit haben wir einen Fuß in der Tür – die Frage ist, können wir sie öffnen?

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