Kritik zu Victoria

© Senator

In 140 Minuten ohne Schnitt erzählt Sebastian Schipper in seinem neuen Film vom Ende einer Berliner Nacht: Eine junge Spanierin trifft eine Gruppe junger Männer, die noch einiges vorhaben. Die Dynamik ihrer Begegnung mündet in einen urbanen Showdown, in dem Roadmovie und Actionfilm zusammenkommen

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 4)

Hitchcock hat es getan, Iñárritu hat es getan. Aleksandr Sokurov hat es getan. Und nun also auch Sebastian Schipper. Doch während der Meister des Suspense in Cocktail für eine Leiche dezent mit der Kamera hinter einen Stuhl schwenkte, um das schwarze Bild für den Wechsel der Filmrolle zu nutzen und der Mexikaner Iñárritu und der Russe Sokurov die Schnitte mit digitalen Tricks verschleierten, ging der deutsche Regisseur ein bisschen weiter. Er drehte die 140 Minuten einer langen Berliner Nacht in einem filmischen Atemzug, in einer einzigen, ungeschnittenen Einstellung. Insgesamt 15 Mal wurde das Szenario komplett durchgeprobt, und dann in drei aufeinander folgenden Wochen drei Mal gedreht. Es ist eine Regie-Initiation der besonderen Art, die ein wenig an die jungen dänischen Dogma-Regisseure erinnert: Nichts mehr als selbstverständlich nehmen, das filmische Handwerkszeug und die Grenzen des Erzählens neu definieren. »Der blanken Angst ins Auge sehen!«, wie Schipper selbst es nennt, »ein Mal radikal sein!« Ein kühnes Experiment ist dieser Film allemal, der sich mit vitalem Furor gegen die sterile Perfektion der digitalen Bilder auflehnt und stattdessen Raum schafft für die Unwägbarkeiten und Vibrationen des Lebens.

Es beginnt in einer schummrigen Technoclubhöhle, in einem Meer aus flackernden Stroboskoplichtern und wummernden Bässen. Ganz langsam fischt die Kamera eine Figur aus der Masse der zuckenden Leiber, die Spanierin Victoria (Laia Costa zieht die Aufmerksamkeit in ihrer ersten Hauptrolle mit einem ganz natürlichen, entwaffnenden Charme auf sich), die noch ganz frisch ist in Berlin. Ihr zwischen Neugier und Unsicherheit schwankender Blick auf die Welt prägt den Film genauso wie der Mir-gehört-die-Welt-Machismo der vier Jungs, mit denen sie Minuten später vor dem Club rumsteht. Die Kamera ist als Stellvertreter des Zuschauers unmittelbar dabei. Im Grunde entwickelt sich das Geschehen wie ein Theaterstück, nur dass man nicht von außen aufs Bühnengeschehen schaut, sondern mittendrin steckt. Die Distanz zwischen Zuschauer und Handlung ist nahezu aufgehoben, man wird sprichwörtlich in den Bann gezogen.

Angesichts einer naturgemäß recht fahrigen Kamera wirkt das zunächst ein bisschen irritierend und anstrengend. Doch mit der Zeit entwickelt sich ein ungeheurer Sog, wenn aus der verlängerten Clubnacht langsam eine Liebesgeschichte entsteht, die sich wiederum in einen Krimi verwandelt, mit Banküberfall und großangelegter Flucht vor der Polizei.

In Filmen wie Absolute Giganten und Ein Freund von mir hat Sebastian Schipper sein Gespür für die besondere Chemie unter jüngeren Männern bewiesen, für die Rituale von Freundschaft, Rivalität und Verletzlichkeit, um die es nun auch in Victoria geht. Nach Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot Jr., Daniel Brühl und Jürgen Vogel entsteht nun auch zwischen Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit und Max Mauff dieses besondere Zusammengehörigkeitsgefühl, das man nicht einfach ins Drehbuch schreiben kann, wenn es keine Schauspieler gibt, die das tragen. Kaum zwölf geschriebene Seiten liegen dem 140 Minuten langen Film zugrunde, minutiös geplant hat Schipper nur die Struktur der Ereignisse und die Dynamik, aus der sie entstehen: Wer, was, warum in welcher Situation zu tun hat. Dieses Gerüst haben die Schauspieler dann mit improvisiertem Leben gefüllt, mit Sätzen, die ihnen in der Hektik der Ereignisse gerade so in den Sinn kamen, was noch ein bisschen erschwert wird, weil sie mit der Spanierin in linkischem Touristenenglisch kommunizieren müssen. Wesentlichen Anteil an der ansteckenden Energie des Films trägt aber auch der norwegische Kameramann Sturla Brandth GrØvlen, der nicht einfach nur dranbleibt, sondern mit der flirrenden Chemie zwischen den Helden auch das vibrierende Berliner Lebensgefühl einfängt und dem Drama einen Rhythmus gibt, der ohne Schnitte auskommen muss.

Neben dem silbernen Bären, den er dafür bei der Berlinale bekam, hätte zumindest auch das Schauspielerensemble ausgezeichnet werden müssen.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der mitreißendste Film, den ich in meinem Leben gesehen habe. Habe ihn im Kino auf Spitzbergen gesehen und mir noch an selben Abend die Blu-Ray vorbestellt, obwohl ich noch nicht mal einen Player habe.
Und das nur, um dieses Meisterwerk präservieren zu können.

Dieser Film ist an Authentizität nicht zu überbieten. Die erste Stunde ist ereignislos - geradezu öde. Unbewusst lässt man sich jedoch in die Handlung hinabgleiten - und plötzlich geht alles Schlag auf Schlag auf Schlag.

Amerikanische Blockbuster mit ihren absurd-perfektionistischen CGI-Effekten sind ein Witz dagegen, 3D-Kino nichts im Vergleich zu dem Gefühl, das die schnittlose Mitten-drin-Perspektive (ja, dazu gehört beizeiten auch ein verwackeltes Bild!) hervorruft.

Reflektiert man die Handlung später, stellt man fest: ja, das Drehbuch hat seine logischen Schwächen. Diese lassen sich jedoch nicht von Schwächen realer Menschen unterscheiden, und gerade sie sind es, die dem Film seine Glaubwürdigkeit verleihen.

Ein Film, der einen in seinen Bann zieht wie kein anderer. Ich habe den Film im September 2015 gesehen, im August 2016 geht er mir immer noch nicht aus dem Kopf.

Für diesen Film müssten Denkmäler errichtet werden.

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