Kritik zu Suburra

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Stefano Sollimas Thriller über ein paar fiktive Novembertage in Rom erzählt atmosphärisch fesselnd und mit einer Riege herausragender Schauspieler von politischer Korruption und Mafia, von Gewalt und ihren unabsehbaren Folgen und davon, dass man in diesem Spiel niemanden unterschätzen sollte

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Italienische Filme kommen in deutschen Kinos kaum mehr vor. Erst recht nicht, wenn sie nicht durch den Festivalzirkus geadelt wurden oder von Nanni Moretti sind. Dass »Suburra« nun die Ausnahme davon bildet, hat mehrere gute Gründe. Zum einen ist das internationale Interesse an Regisseur Stefano Sollima gestiegen, seit bekannt wurde, dass Lionsgate ihn für das »Soldado« benannte Sequel zu »Sicario« verpflichtet hat, in dem Benicio del Toro und Josh Brolin ihre Rollen wieder aufnehmen werden. Zum anderen ist Streaminganbieter Netflix, der auch die VoD-Rechte an Sollinas Film besitzt, gerade dabei, eine zehnteilige Serie aus derselben Romanvorlage zu entwickeln. Der Hauptgrund schließlich aber dürfte sein, dass es sich bei »Suburra« einfach um einen sehr bemerkenswerten Film handelt, der nicht nur als Genreübung überzeugt, sondern den Zuschauer mit einer atmosphärischen Dichte in den Bann zieht, die heutzutage nur wenige Kinofilme erreichen.

Wie kunstvoll Sollima mit Stimmung umgeht, machen die ersten Szenen klar: Da sieht man den Heiligen Vater, ganz in Weiß, wie er mit dem Rücken zur Kamera betet, während im Vordergrund gerade der Tisch abgedeckt wird. Der Papst, so wird man an späterer Stelle erfahren, denkt an Rücktritt, aber in diesen ersten Bildern ist der Schritt nur angedeutet durch die Melancholie des Abräumens, seine Abgewandtheit und das sorgenvolle Gesicht des jungen Priesters, der sich um ihn kümmert. Und dennoch ist es eine falsche Fährte, wenn es in der Schrifttafel anschließend heißt: »5. November 2011. Noch sieben Tage bis zur Apokalypse.«

Die Apokalypse kommt, aber in anderer Art, als man sie sich als Zuschauer an dieser Stelle vorstellt. Zumal die Figuren, die an diesem Novembertag mit ihren Geschäftsinteressen in Rom vorgestellt werden, allesamt als realistisch durchgehen. Der Abgeordnete Malgradi (Pierfrancesco Favino) erscheint als der typische, wie selbstverständlich korrupte Politiker, der sich nach der anstrengenden Parlamentstätigkeit mit zwei jungen Escort-Damen und ein bisschen Crack erholt. Der ältere Herr (Claudio Amendola), der den Spitznamen »Samurai« trägt, tritt mit der kalten Sicherheit eines Mannes auf, der seine Macht nicht mehr verteidigen muss, weil ihm alle Seiten, ob legal oder illegal, etwas schuldig sind. Aureliano (Alessandro Borghi), der sich »Nummer 8« nennen lässt, muss noch handfeste körperliche Gewalt anwenden, um seinen Einfluss zu sichern, was er aber mit seltener Ruchlosigkeit zu tun bereit ist. Als Männlichkeitsmodell ist er das Gegenteil des windigen Sebastiano (Elio Germano), der als Hintergrundcharakter VIP-Partys veranstaltet und Escort-Dienste beaufsichtigt. Am Ende dieses dunklen Novembertages haben sie alle gewissermaßen Blut an den Händen: Malgradis minderjährige Prostituierte stirbt an einer Überdosis. Der »Samurai« lässt einen alten Freund auf offener Straße überfahren. »Nummer 8« prügelt einen Strandlokalbesitzer zur Unterschrift unter den Verkaufsvertrag. Und Sebastiano lässt den eigenen Vater abblitzen und muss dann beobachten, wie der sich in den Tiber stürzt.

All diese Gewalttaten entfalten über den Lauf des Films, die weiteren sechs Tage »bis zur Apokalypse«, ihre eigenen Konsequenzen und ergeben im sehr gut strukturierten Drehbuch einen komplexen, schillernden Zusammenhang, der über die Mafia-Handlung weit hinausweist. Der elektronische Sound und ein in seiner Stärke ständig zunehmender Regen treiben die Ereignisse atmosphärisch immer dichter gen Untergang, aber im Chaos der Ereignisse kehrt sich so manches Machtgefüge um, und manch vorher unterschätzte Figur erweist sich als zu überraschenden Taten fähig. Was man sonst fast nur noch in Serien erlebt, die allmähliche Entwicklung gleich einer ganzen Handvoll von Figuren, bringt Sollima, der fürs italienische Fernsehen zwei hochgepriesene 10-Teiler, »Romanzo Criminale« und »Gomorra«, realisiert hat, hier in »nur« 130 Minuten unter.

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