Kritik zu Reminiscence: Die Erinnerung stirbt nie

© Warner Bros. Pictures

Lisa Joy, als Ko-Kreatorin der Serie »Westworld« vertraut mit der Erfindung fremder Welten, lässt in ihrem Kino­debüt Hugh Jackman als Erinnerungsdetektiv ermitteln

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In nicht allzu ferner Zukunft ist Miami überflutet. Der Verwandlung in ein nordamerikanisches Venedig ging keine reinigende Sintflut voraus, sie ist schlicht der Fortgang der Klimakrise. Die Urbanität hat sich dem gestiegenen Meeresspiegel angepasst. Es gibt noch Rudimente normalen Straßenverkehrs, die ergänzt werden durch Gondeln und Schnellboote. Also keine Sorge: Die Femme fatale dieses Neo-Noir muss keine Gummistiefel tragen.

»Reminiscence« steht mit je einem Bein in unterschiedlichen Epochen. Lisa Joy kombiniert ihre visuell tragfähige Zukunfts­vision mit einer Rückkehr in die erzählerischen Labyrinthe des Film noir der 40er. Sie hat Raymond Chandler eifrig gelesen. Ihr Held ist ein Nachfahre des ritterlichen Philip Marlowe, der sich in einer korrupten Welt seine Moral bewahrt hat und in die Fänge einer undurchsichtigen Verlockung gerät. In dieser nostalgischen Zukunft tragen Männer bisweilen Hüte, und es gibt noch Nachtklubs, in denen »Where or when« von Rodgers & Hart gesungen wird. Tatsächlich spielt der erste amerikanische Song, der vom Déjà-vu-Erlebnis handelt, eine bezeichnende, verschlungene Rolle.

Den Beruf, den Nick Bannister (Hugh Jackman) ausübt, hätte sich Chandler freilich nicht ausdenken können. Im Krieg war er Verhörspezialist und betreibt nun eine Firma, die ihre Kunden in einem Wasserbad die kostbarsten Erinnerungen wiedererleben lässt. Das wäre im Prinzip ein einträgliches Geschäft – zumal ihn die Staatsanwaltschaft häufig engagiert, um Tathergänge zu rekonstruieren –, aber Nick ist ein Romantiker. Die mysteriöse Klientin Mae (Rebecca Ferguson) hat mithin leichtes Spiel mit ihm. Er verliebt sich Hals über Kopf in sie. Als er sie nach ihrem plötzlichen Verschwinden verzweifelt sucht, hält seine Assistentin Watts (Thandiwe Newton), ebenfalls eine Veteranin, die ihre eigenen Dämonen im Alkohol ertränkt, mit loyaler Missbilligung zu ihm. Dass sie im Krieg Scharfschützin war, zahlt sich aus, denn Nick steckt bei Schlägereien mehr ein, als er austeilt – auch das eine hübsche Reverenz an Chandler.

Dieses Schillern zwischen den Zeiten und Genres ist zunächst ein einnehmendes erzählerisches Unterfangen. Das Production Design von Howard Cummings stellt eine Umkehrung des Retrofuturismus dar: Die Architektur weist regelmäßig zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Gegenzug überflutet Kameramann Paul Cameron (wie Newton und Cummings ein »Westworld«-Veteran) die Szenerien mit gleißendem, noir-untypischem Gegenlicht. Letztlich siegt die nostalgische Ausschweifung; an die dystopische Allgegenwart des Wassers hat man sich bald gewöhnt. Der dynamische Wechsel zwischen Erinnerung und Ermittlung hat sich als dramaturgische Bewegung irgendwann erschöpft, denn der Intrige, der Nick auf die Spur kommt, gebricht es an Raffinement und Abgründen. Aber eigentlich will dies ohnehin nur ein Film über das Wesen der Erinnerung sein. Das Geheimnis der Lakonie mag er nicht ergründen. Schade, denn sonst hat er so viel gelernt vom Film noir.

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