Kritik zu Mr. Turner - Meister des Lichts

© Prokino

2014
Original-Titel: 
Mr. Turner
Filmstart in Deutschland: 
06.11.2014
R: 
B: 
K: 
Musik: 
V: 
L: 
150 Min
FSK: 
6

Der Engländer Mike Leigh, eigentlich spezialisiert auf zeitgenössische Sozialdramen und Komödien, erobert sich ein neues Genre. Sein Film über William Turner ist der Glücksfall eines Künstlerporträts: so eigenwillig wie der Maler, dessen spätes Werk bereits in Richtung Abstraktion wies

Bewertung: 5
Leserbewertung
3.333335
3.3 (Stimmen: 3)

In keinem anderen Film der letzten Jahre ist so viel gegrunzt und gebrummelt worden wie in Mr. Turner. Und kaum jemand hat je so modulationsfähig gegrunzt wie Timothy Spall in der Rolle des berühmten Malers, der als Vorläufer der Impressionisten wie der Abstrakten gilt. Turners Gutturallaute kommentieren, sie demonstrieren Ablehnung und Zustimmung, und manchmal deutet er auch nur sein Staunen damit an. Denn Turner spricht nicht viel; er ist ein Einzelgänger in der Kunstszene, als Mensch wie als Maler. Für Spall dürfte das die Rolle seines Lebens sein.

Mike Leighs Film setzt 1825 ein, als William Turner schon zu den Arrivierten gehört, sein Malstil aber immer weniger gegenständlich wird. Was ihm auch Unverständnis einbringt. Turner kommt von einer Reise  in die Niederlande zurück nach London in das kleine Häuschen, wo er mit seinem Vater und einer Haushälterin lebt. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, das wird schnell klar; sein Vater war Barbier, und beide betreiben das Kunstbusiness als  eine kleine Manufaktur: Der alte Turner organisiert das Haus, die Farben und die Leinwände, der junge produziert Kunst. Ähnlich sehen sich die beiden auch noch, und wenn der Alte stirbt, wird es dem Jungen das Herz brechen – wahrscheinlich war der Vater der einzige Mensch, den er je geliebt hat.

Aber das wissen wir nicht. Mike Leigh, der in seinem Film ein Vierteljahrhundert Leben präsentiert, erklärt nicht viel. Er folgt seinem Protagonisten, ohne dramatische Höhepunkte oder vermeintlich wichtige Lebensstationen in die Geschichte einzubauen. Das Leben ist ein ruhiger Fluss in diesem Film – und dennoch vergehen seine 149 Minuten fast wie im Flug. Vielleicht auch deshalb, weil der Film eine ganz eigenwillige Relation zwischen Kunst und Leben aufmacht. So singulär die Landschaftsbilder des Malers werden, die sich immer weniger an Konventionen halten, die eher ein Gefühl beim Betrachter auslösen denn der genauen Anschauung bedürfen, so eigenwillig entstehen sie, und so wenig schert sich ihr Urheber um gesellschaftliche Etikette. Turner spuckt schon mal auf die Leinwand, und bei einer Ausstellung der Royal Academy fügt er einem dunklen Seestück eine rote Boje hinzu, indem er die Farbe mit dem Finger appliziert.

Turner ist ein Kauz, aber kein gutmütiger. Eine gewisse Grundarroganz ist dem massigen Mann eigen, der trotz seines bescheidenen Wohlstands seine Exfrau und seine Töchter nur unzureichend unterstützt.

Die Haushälterin Hannah behandelt er schlecht und nutzt sie sexuell aus – vorm Bücherregal, wenn es ihn überkommt. Dass es ihr zunehmend schlechter geht, sie an einem Ekzem leidet, merkt der große Maler gar nicht. Und später wird er so etwas wie ein Doppelleben führen, wenn er die Witwe Booth kennenlernt und mit ihr ein Häuschen an der Peripherie Londons bezieht, wo er auch sterben wird. Man hat den Eindruck, dass ihr die Sympathien des Filmemachers gehören, weil sie mit ihrer devoten Art auch die Gepflogenheiten der Herrschaft kommentiert. Ihr gehört auch so etwas wie ein Epilog: Nach Turners Tod wandert sie noch einmal durch das längst von ihm verlassene Haus, in dem die Leinwände und Bilder unbeachtet herumstehen.

Aber bei allen Grobheiten des Künstlers Turner: Leigh stößt ihn weder vom Sockel, noch verleiht er ihm den Heiligenschein des Genialen. Nie verweilt die Kamera allzu lang auf den Gemälden oder fährt sie mit dem Gestus der Bedeutsamkeit ab, wie man das aus anderen Künstlerporträts kennt. Stattdessen bauen Leigh und Kameramann Dick Pope ergreifende Momente ein, wie Leben in Kunst übergeht: wenn etwa eine flandrische Landschaft mit einem orangeroten Sonnenuntergang »wie gemalt« wirkt – und wir nach einer Veränderung der Brennweite den Maler mit seinem ausgreifenden Gang diese Landschaft durchschreiten sehen. Turner ist ein Mensch, der sich seine Bilder förmlich erwandert. Und zu den schönsten Momenten des Films gehört, wenn Turner, von einer Reise heimkehrend, in seinem Atelier in London die Läden von den Fenstern nimmt. Und das Licht, das er wie kein anderer zu dramatisieren wusste, gleißend hereinscheint.

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