Kritik zu Liberace

© DCM

2013
Original-Titel: 
Liberace
Filmstart in Deutschland: 
03.10.2013
V: 
L: 
118 Min
FSK: 
12

Sex, Lügen und Bilder: Egal, ob Steven Soderbergh mit »Liberace« nun tatsächlich seinen letzten Kinofilm gedreht hat, er bringt darin ein Werk zum Abschluss

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

»Liberace« beschreibt vielleicht drei plotpoints in der amerikanischen Filmgeschichte. Der erste ist seine Entstehungsgeschichte als reine Fernsehproduktion. Tatsächlich scheint es ja, dass nicht nur die intelligenteren Serien- und Genrekonzepte bei den Kabelproduktionen entstehen und Hollywood als relevante Erzählmaschine ablösen, sondern auch die kontroversen Themen unter einem Siegel wie HBO besser aufgehoben sind als bei den großen Studios.

»Liberace« ist kein Biopic über den Piano und Vortragskünstler mit den langen Mänteln und den Ringen an den Fingern, der eine grandiose Queer-Show bot und zugleich jeden Verdacht der Homosexualität durch eine PR- und Anwaltsmaschine von sich zu weisen verstand. Es geht um eine Beziehung in den späteren Jahren seiner Karriere, die zu dem Countryboy Scott, mit dem er sich eine Zeit lang zumindest als Freund, Vater, Bruder, Bühnenpartner und Geliebter verbunden fühlt. Die Liebesgeschichte geht nicht gut aus, das ist manchmal so mit Liebesgeschichten, besonders wenn der eine im narzisstischen Selbstgenuss und der andere in den Drogen verloren geht. Liberace ist eines der ersten prominenten Opfer von AIDS, und anders als zuvor gelingt es nach seinem Tod nicht mehr, eine Legende über das zu decken, was jenseits der Bühne geschah. Der intimistische Blick von »Liberace« konzentriert sich ganz auf diese Liebesgeschichte und auf einen Innenraum der Selbstbespiegelung, der, natürlich, auch alptraumartige Züge hat. Nicht umsonst verweist Michael Douglas' Liberace einmal auf Bette Davis' Horrorfilmauftritt: Was Liberace sich und seinen Geliebten da geschaffen hat, das ist auch ein Gefängnis.

Die merkwürdige Beziehung zwischen Liberace und seinem Publikum schildert Steven Soderbergh mithin von innen; die Gesellschaft, die Kultur von Prüderie und Homophobie, die sich ihre Ventile sucht, die Öffentlichkeit, die ein Schweigegebot befolgt, das alles kommt nur indirekt vor. In Form eines Publikums, das Liberaces Spiele gern mitspielt, einer Entourage, die sich reichlich Zynismus gönnt, oder etwa in der Form von Scotts Pflegeeltern, die mit Bangen sehen, wie sich ihr Sohn in eine seltsame Gegenwelt begibt.

Soderbergh behauptet, Hollywood sei dieses Filmprojekt »zu schwul« gewesen; das mag man glauben oder nicht. Skandalös ist da auf den ersten Blick wenig. Auch müssen Michael Douglas und Matt Damon nicht um ihr Hetero-Image bangen; es sind einfach zwei gute Schauspieler, die eine Liebesgeschichte spielen, die nun eben zwischen zwei Männern abläuft. Etwas anders verhält es sich vielleicht mit der Weltkonstruktion der Bilder. Vielleicht beginnt man, näher hinsehend, zu begreifen, dass Queerness mehr und anderes ist als Sex. Damit sind wir vielleicht beim zweiten plotpoint dieses Films, nämlich einer Schnittstelle zwischen dem Mainstream und dem New Queer Cinema, das ganz bewusst auf die Geschichte der ästhetischen und politischen Konstruktionen der Geschlechterordnungen zurückgreift. Die queere Gegenwelt, die Liberace für sich und für sein Publikum errichtete, nimmt eine mainstreamkompatible Inszenierung vorweg, eine Verbindung von Travestie, Disneyland und mehr oder weniger geheimen Zeichen, sie konstruiert einen Übergangsmythos so zusagen: Gerade in einer homophoben und prüden Gesellschaft sind solche Zwischenstationen des Begehrens scheinbar notwendig. Über eine Erscheinung wie Liberace kommen sich in der im Kern antisexuellen Kultur die Geschlechter näher: In Liberace konnte das Publikum das Männliche wie das Weibliche begehren, ohne sich zu gefährden, ohne sich zu offenbaren. Für einen glücklichen Abend traf man sich »auf halbem Weg«. Auf halbem Weg zwischen Mann und Frau, auf halbem Weg zwischen Intimität und Öffentlichkeit.

Was uns zum dritten und letzten plotpoint bringt, den »Liberace« bedeuten mag, nämlich Steven Soderberghs Arbeit und seinen angekündigten Rückzug. Man mag den ernst nehmen oder nicht, es scheint zumindest, dass sich ein Kreis in seinen Filmen geschlossen hat. Viele seiner Filme, angefangen bei Sex, Lügen und Video, handeln davon, wie der Innenraum der Liebe durch eine mediale Spiegelung verändert wird und wie, umgekehrt, der Bildercode sich ändert, wenn die intimen Räume sich öffnen. Immer ging es bei Soderbergh um Sex, Lügen und Bilder. Und was das anbelangt, hat er mit »Liberace« vielleicht wirklich sein Werk abgeschlossen.

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