Kritik zu Ferien

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Entschleunigung gewünscht: Eine junge Staatsanwältin wirft ihren Job hin und flüchtet auf eine Nordseeinsel, wo sie sich mit einer alleinerziehenden Mutter und deren Sohn anfreundet

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Eigentlich trifft der Titel dieses Films nicht so ganz den Zustand, den die Hauptfigur durchlebt. Es ist eher eine Auszeit, wie man beim Eishockey sagt, ein Ausstieg, in den Vivian Baumann hineinschlittert. Vivian ist angehende Staatsanwältin, doch bei einem Prozess gegen eine Ladendiebin bringt sie kein Wort heraus. In der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Freund stehen ihre Sachen noch unausgepackt herum. Und ihre Mutter weiß für ihren Zustand auch keinen besseren Rat, als dass sie sich doch ein Kind zulegen solle.

Bernadette Knoller führt keine Gründe an für Vivians Seelenlage. Und das ist auch gut so und prägend für den Ton dieses Abschlussfilms, der eher Episoden denn eine Geschichte erzählt, der die Ellipse liebt und von den Absurditäten des Lebens handelt. Vivians Vater verschifft sie auf eine – namenlos bleibende – deutsche Nordseeinsel, aber eine echte Hilfe ist er auch nicht. Schon auf der Fähre schläft er ein, später drängt er darauf, dass sie sich eine kleine Warze im Gesicht weglasern lässt, und bei einem weiteren Besuch wird er sie mit einem Marketing-Selbstfindungsspiel traktieren.

Den Vater spielt Detlev Buck, im richtigen Leben auch der Vater der Regisseurin. Und etwas erinnern auch der trockene Humor und das Verlorensein in der norddeutschen Landschaft an Bucks frühe Filme. Einmal in der Nacht dreht Vivian durch und zerrupft ein Blumenbeet und wird bei diesem, vermutlich, Akt der Befreiung von einem kleinen Jungen beobachtet. Vivian lernt das Zimmermädchen Biene (Inga Busch) kennen, gewissermaßen beim Zusammen-Weinen, auch eine provisorische Existenz im Idyll der Insel. Sie zieht zu ihr, doch bald verschwindet Biene, auf eine »Recherchereise«, und hinterlässt ihr die Aufsicht über ihren 13-jährigen Sohn Eric – eben jener Junge aus der Nacht. Was ihr Verhältnis nicht einfach macht. Auf einem Spaziergang stellt sie sich vor: »Ich bin Vivi.« Darauf er: »Ich red nicht mit dir. Du bist verrückt.«

Aber verrückt wirkt Vivian nie, eher ein bisschen aus dem Leben gefallen, gestrandet. Mit viel Gespür erzählt Knoller kleine, skurrile Geschichten, von einem brennenden Gartenhaus, einer peinlichen Jugendlichenparty, einer Bastelgruppe, die Figuren aus Moos herstellt, dem Besitzer eines Ramschladens, der voll ist mit Nordseefundstücken. Der wird bravourös gespielt von dem Schriftsteller und Anwalt Ferdinand von Schirach in seiner ersten Filmrolle – und gegen ihn (»Am Ende der Sackgasse ist das Ende«) wirkt Vivian nachgerade geerdet.

Das eigentliche schauspielerische Ereignis dieses Films ist Britta Hammelstein. Die hat auch schon mal eine Ermittlerin in Nick Tschillers »Tatort«-Team gegeben, aber als Vivi ist sie perfekt. Sie kann durchaus herzlich sein in diesem Film, aber auch völlig deplatziert wirken und ins Leere blicken, als würde die Umwelt völlig an ihr abprallen. Schließlich ist Vivi ja auch jemand, die irgendwie neben sich steht. Zumindest eine Zeit lang.

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