Kritik zu Die Vermessung der Welt

© Warner Bros.

2012
Original-Titel: 
Die Vermessung der Welt
Filmstart in Deutschland: 
25.10.2012
Musik: 
A: 
L: 
122 Min
FSK: 
12

Detlev Buck hat mit einem großartig aufgelegten Florian David Fitz den Bestsellerroman von Daniel Kehlmann um die beiden Wissenschaftler Gauß und Humboldt verfilmt – in 3-D

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Am Ende sitzen sie auf einer Bank in der Berliner Polizeiwache: der MathematikerCarl Friedrich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt. Gauß ist mit seinem Sohn nach Berlin gereist, wohin ihn Humboldt zu einem Forscherkongress eingeladen hat. Gauß hasst das Reisen genauso wie große Städte – und dementsprechend schlechte Laune hat er. Sein Sohn Eugen, zu dem er ein eher distanziertes Verhältnis hat, ist nach einer Demonstration eingebuchtet worden – wir schreiben das Jahr 1828 –, und Gauß hat alles getan, um Humboldts Versuche, ihn quasi freizukaufen, zunichtezumachen. Gauß ist ein Grantler, Humboldt dagegen ein weltgewandter Mann, der mit dem Kongress neue Mittel beim König lockermachen will. Doch Gauß hat den Potentaten schwer düpiert. Sie streiten über die Wissenschaft. Was die denn für Gauß bedeute, fragt Humboldt. »Ein Mann, alleine, am Schreibtisch, vor sich ein Blatt Papier, einen Bleistift in der Hand. Vor dem Fenster der klare Himmel. Wenn dieser Mann nicht aufgibt, bevor er etwas versteht. Das ist Wissenschaft.« Und wenn der Mann auf Reisen gehe, hakt Humboldt nach. »Was sich irgendwo versteckt, in Löchern, Vulkanen, im Wald, im Urwald. Urwald, Urwald ist auch nur Wald. Was sich irgendwo versteckt, ist Zufall.«

Es ist der Kampf zweier Methoden der Erkenntnis in der späten Aufklärung. Und de Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Doch die verfolgt der Film dann nicht mehr, der bis dahin die Biografien dieser zwei Männer entwickelt hat, die unterschiedlicher nicht sein können. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Gauß entwickelt sich zu einem frühgenialen Mathematiker, Humboldt, Spross einer wohlhabenden Familie mit guten Beziehungen zum preußischen Königshaus, floh früh schon vor der Enge seiner Familie in die Naturwissenschaft, der er auch mit so manchem Selbstversuch nachging. Beide waren, Gauß sogar sein Leben lang, Staatsbedienstete. Und beide haben die Welt vermessen, Humboldt in der Ferne, Gauß in seinem Brotberuf als Landvermesser. Zwei solche Leben über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren zu verfolgen: das muss in Episoden und Tableaus enden. Das war schon im Roman von Daniel Kehlmann so – der die zwei Biografien ja auch in »nur« 300 Seiten pressen musste. Kehlmann hat am Drehbuch mitgearbeitet. Aber herausgekommen ist dann doch mehr Buck als Kehlmann. Die Vermessung der Welt wirkt vom Witz her wie eine Rückkehr zu Bucks Anfangstagen – nur grobhumoriger. Understatement ist nicht die Sache dieses Filmes, sondern die, um es vorsichtig zu formulieren, Überspitzung. Und da vergaloppiert msich Buck gern, etwa in der Zeichnung des Herzogs von Braunschweig mit seinen schlechten Zähnen und seiner Familie, die von Kindern mit Downsyndrom verkörpert werden. Witzig ist anderswo. Die Ironie regiert dann in den aus dem Off von Kehlmann vorgelesenen Passagen aus seinem Roman.

Großen Raum nimmt Humboldts amerikanische Reise (1799–1804) ein, die er zusammen mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland unternahm, gewissermaßen ein Fitzcarraldo der Wissenschaft. Wahrscheinlich wegen der Schauwerte dieser Expedition ist der Film in 3-D aufgenommen worden, einer der ersten deutschen Spielfilme überhaupt in dieser Technik, die hier nicht immer, gut funktioniert, sich aber auch nicht aufdrängt. Der Schauspieler Albrecht Schuch stolziert immer ein bisschen zu exaltiert durch den Film und liefert sich verbale Duelle mit seinem durchaus der Sinnlichkeit (Franzose eben!) und weitgehend unbekleideten Indiofrauen zuneigenden Begleiter.

Im Zentrum des Films steht aber der Mathematiker Gauß. Nur selten greift Buck da in die Klamottenkiste (etwa wenn Gauß in der Hochzeitsnacht noch schnell ein paar mathematische Formeln notiert), und Gauß gehört auch der tragischste Moment des Films: wenn er sein Hauptwerk »Disquisitiones Arithmeticae«, das niemand versteht, dem greisen Kant in Königsberg vorstellen will (der ja wie er nicht gerne reist) – und feststellen muss, dass der alte Philosoph dement ist und statt zu disputieren lieber seinen Bediensteten zum Einkaufen schickt. Florian David Fitz spielt den Gauß als großen Stauner, der sein Leben in kleinen Gassen und Hinterhöfen zubringen bmuss und doch die Welt im Kopf vermisst.

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