Kritik zu Die Sirene

© Grandfilm

2023
Original-Titel: 
The Siren
Filmstart in Deutschland: 
30.11.2023
L: 
100 Min
FSK: 
12

In einer Mischung aus Coming-of-age-Drama und solidarischem Märchen wird in diesem Trickfilm vom Schrecken des iranisch-irakischen Krieges erzählt, auf Augenhöhe eines Jungen in der belagerten Ölstadt Abadan

Bewertung: 4
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Der 14-jährige Omit spielt mit seinen Freunden Fußball, als seine Aufmerksamkeit abgelenkt wird. Am blauen Himmel erscheinen Raketen, und dieser Anblick hat etwas Surreales, fast Magisches. »Die Sirene« ist ein Trickfilm, der von der Zeit des Ausbruchs des Iran-Irak-Kriegs, des ersten Golfkriegs 1980 handelt, gesehen aus der Perspektive eines Heranwachsenden. Ort des Geschehens ist die iranische Großstadt Abadan, Zentrum der iranischen Erdölindustrie, und gelegen am Fluss Schatt El Arab direkt an der Grenze zum Irak und unweit des persischen Golfs. 

Diese Koordinaten erschließen sich dem Zuschauer erst allmählich, Schritt für Schritt auf Augenhöhe mit Omit, dessen Welt mit Kriegsausbruch zusammenbricht. Sein älterer Bruder kommt sofort an die Front, doch Omits Versuch, ebenfalls in der Armee aufgenommen zu werden, um ihn zu finden, scheitert letztlich. Nachdem er auf dem Schlachtfeld gerade noch mal mit dem Leben davongekommen ist, pirscht er unablässig durch die Gassen, um einen Ausweg zu finden. Denn als er, als Auslieferer von Essensbestellungen, zufällig die Lagebesprechung von Militärs mithört, erfährt er, dass die eingekesselte Stadt den irakischen Angreifern nicht wird standhalten können.

Die iranischstämmige Regisseurin Sepideh Farsi malt das Grauen dieses vergessenen achtjährigen Krieges, der, je nach Schätzung, 400 000 bis eine Million Opfer forderte, in Form eines kindlich wirkenden Animationsfilms aus. Das gemahnt an Ari Folmans »Waltz with Bashir« über den Libanonkrieg 1982 und auch an Marjane Satrapis Iran-Erinnerung »Persepolis«. Mit der markanten Ästhetik dieser beiden autobiografischen Filme kann Farsi zwar nicht ganz mithalten. Und doch tut der grafische Minimalismus ihrer Geschichte gut. Mit klaren Linien und satten Farben zwischen Sonne und dem Höllenfeuer der bombardierten Raffinerien werden die Stationen von Omits Odyssee auf das Wesentliche reduziert, gewinnen eine poetische und überzeitliche Bedeutung.

Die Erinnerung an seinen verstorbenen Vater bringt den Jungen auf die rettende Idee für die Flucht aus der unter Bombenangriffen zerfallenden Stadt. Bei der Verwirklichung seines waghalsigen Plans begegnet er, von einem heimlichen Tauschgeschäft zum nächsten, Menschen, die seit der Machtergreifung der Klerikalfaschisten im Verborgenen ausharren und unter dem Radar der herrischen Machthaber zu überleben versuchen. Von einem deprimierten Ingenieur, der für seine Dienste eine Flasche Alkohol verlangt, über die legendäre, jedoch von den Klerikalfaschisten mit Auftrittsverbot belegte Sängerin Elaheh (nach einem realen Vorbild) bis hin zu armenischen Geistlichen stehen sie für die einstige Blüte der persischen Zivilgesellschaft. Unterstrichen wird die zaghaft aufkeimende Hoffnung durch humorvolle Details und einen jazzigen Soundtrack. 

Gegen Ende mündet die sich organisch entwickelnde Rettungsmission in die solidarische Utopie einer Arche Noah. Ungeachtet der Religion versammeln sich Jung und Alt, Mensch und Tier, um einer besseren Zukunft entgegenzuschippern: ein Happy End, das leider mehr den je ein Märchen ist.

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