Kritik zu Die schönen Tage von Aranjuez

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2016
Original-Titel: 
Die schönen Tage von Aranjuez
Filmstart in Deutschland: 
26.01.2016
V: 
L: 
97 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Zum fünften Mal schon haben sich Peter Handke und Wim Wenders für ein Filmprojekt zusammengetan. Das gleichnamige Zweipersonenstück hatte vor vier Jahren Premiere – ein Kammerspiel, das man sich im Freien vorstellen soll

Bewertung: 3
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Ein Kammerspiel, das man sich im Freien vorstellen soll – so versteht sich auch, dass Wim Wenders als Erstes den Untertitel »Ein Sommerdialog« beim Wort genommen und das Paar aus Peter Handkes Vorlage in einen blühenden Garten versetzt hat. Das auf Französisch verfasste und Handkes Frau (Hauptdarstellerin Sophie Semin) gewidmete Stück spielt überdies auf einer Anhöhe mit Panoramablick auf das in der Ferne sich abzeichnende Paris, das im Prolog mit einer imposanten Postkartenserie eingeführt wird. Paris menschenleer, eine Traumkulisse?

Vorgegaukelt wird im Dialog der beiden so allerlei. Ein Mann und eine Frau, ein ehemaliges Paar? Man weiß es nicht. Er hat sich aufs Fragen verlegt, spielt den Neugierigen, sie, eindeutig die Ältere, spielt die Verruchte, träumt sich bereitwillig zurück ins freizügige Vorleben, ihre Liebesaffären, eine wilde Vergangenheit. Man assoziiert die 70er Jahre, aber auch die frühe Kindheit kommt ins Spiel. Er, ganz Jüngling, kontert, eher zögerlich, mit selbstvergessenen Naturbetrachtungen – wie sie Handke von jeher mit hoher Einfühlungsgabe aus der Feder fließen. Als kenne nur er die wahre Natur, beim Berühren von Springkraut oder beim Kosten von wilden Johannisbeeren. Im Grunde wird hier ein klassisches Rollenspiel mit allen nur denkbaren Missverständnissen zwischen den Geschlechtern aufgeführt. Doch wenn er sich verweigert, klagt sie genau das ein. »Ohne Frage komme ich nicht weiter. Ohne Frage bin ich blind und stumm.« Nur vordergründig klingt es nach Geschlechterkampf, nur vorgeschoben nach Emanzipationsstreben und weiblicher Selbsterfahrung – denn da spricht keine Empörte aus den 70ern. Sie ist nur Leihstimme für den Autor alter Schule, der unbekümmert sein Frauenbild auf die geduldige Landschaft projiziert und sich selbst zum ewig Einsamen erhöht. Träumend verstellt sich der Dichter, der sich sein Stück »außerhalb gleichwelcher Aktualität«, als »mehr Ahnung als Gegenwart« vorstellt. Nur wozu?

Bei Handke sind die beiden sich selbst überlassen, bei Wenders sitzt ihnen der Autor (Jens Harzer) im Nacken. Seine Schreibmaschine scheint ihnen direkt den Text zu soufflieren. Als weitere Sehhilfe zeigt uns Wenders noch einen Miniaturtisch mit Stuhl und einen vielsagenden Apfel. Zum Wenders'schen Inventar gesellt sich dazu noch die Wurlitzer mit ihren traurigen Gesängen von Lou Reed und Nick Cave. Das kennt man alles. Dieses Setting verkauft nicht nur den Zuschauer für dumm, es traut auch den Schauspielern nicht über den Weg. Deren deutsche Stimmen Eva Mattes und Hans Löw es allemal mit ihren Leihkörpern aufnehmen können. Zuletzt noch die »natural depth«, die von Wenders hier angeblich in Vollendung eingesetzte 3D-Technik: Wie kann ein Autor so verbissen an einer Wunschvorstellung festhalten, die sich Bild für Bild ins Gegenteil verkehrt? Schon die ach so natürlichen Bäume schieben sich wie Theaterkulissen vors irritierte Auge, erst recht die Utensilien auf dem Gartentisch, die stets absturzgefährdet auf den Bildrand zusteuern. Das ist 3D-Technik, die sich selbst ad absurdum führt.

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