Kritik zu Boy 7

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Jugend gegen Weltverschwörung: Özgür Yildirim verfilmt den dystopischen Jugendroman von Mirjam Mous als Genrefilm mit Ambition

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3 (Stimmen: 2)

Seit einiger Zeit mehren sich die Stimmen, die ein neues deutsches Genrekino fordern. Die Sehnsucht nach Produktionen, die andere Wege beschreiten und amerikanischen wie koreanischen Filmen auf Augenhöhe begegnen, ist groß. Dabei wird immer wieder die erste große – nicht wenige würden auch sagen: die einzige – Blütephase des deutschen Films beschworen, die kurzen Jahre der Weimarer Republik. Damals waren es Regisseure wie Robert Wiene, Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang, die im Horror- und Science-Fiction-Film, im Fantasy-Genre und im Thriller-Kino weltweit Maßstäbe setzten. Auch Özgür Yildirims »Boy 7«, die deutsche Verfilmung von Mirjam Mous' gleichnamigen Jugendroman, wäre ohne diese Klassiker kaum vorstellbar.

Am Anfang ist alles erst einmal in ein schier undurchdringliches Dunkel getaucht. Als der 18-jährige Sam (David Kross) in einem Hamburger U-Bahn-Tunnel zu sich kommt, erinnert er sich an gar nichts. Er hat nur seine Instinkte. Die funktionieren dafür aber so gut, dass es ihm sogar gelingt, den Polizisten, die ihn verhaften wollen, zu entkommen. Die einzige Spur, die er in seiner Kleidung findet, führt ihn schließlich zu einem versteckten Tagebuch. Sam ist »Boy 7«, ein jugendlicher Hacker, der statt ins Gefängnis in ein Hochsicherheitsinternat der »Kooperation X« gesteckt wurde. Dort sollte er zum einen lernen, sich den Regeln der Gesellschaft zu fügen, und zum anderen seine ganz speziellen Talente weiter ausbauen. Nur ist Sam schon bald auf sinistre Vorgänge in dem von Direktor Fredersen (Jörg Hartmann) und seiner rechten Hand Isaak (Jens Harzer) geleiteten Institut auf­merksam geworden.

Natürlich lag es nahe, Mirjam Mous' erfolgreichen Roman für die Leinwand zu adaptieren. Düstere Zukunftsvisionen, in denen sich Jugendliche gegen die Machenschaften mehr oder weniger faschistischer Herrscher auflehnen, haben Konjunktur. Also sucht Yildirim mit seiner SciFi-Dystopie gezielt die Nähe zu der Tribute-von-Panem-Reihe und den Divergent-Filmen. Dennoch geht ein ästhetischer Riss durch »Boy 7«. Yildirim hat – das verraten schon die ersten, mit subjektiver Kamera gedrehten Minuten des Films – weitaus größere Ambitionen.

Nicht ohne Grund trägt der Direktor der »Kooperation X« den gleichen Nachnamen wie der Herrscher über Metropolis bei Fritz Lang. Yildirim sucht mit seinen schrägen Kamerawinkeln und seinem düster-grauen Look ganz bewusst die Nähe zum deutschen Expressionismus. Dazu passt dann auch Jens Harzers exaltiertes Spiel perfekt. Mit seinen dick aufgetragenen Manierismen und seiner schon ans Selbstverliebte grenzenden Dämonie stellt Harzers Isaak selbst die flamboyanten Schurken aus den Panem-Filmen in den Schatten. Aber es ist genau dieses »Zuviel«, das »Boy 7« braucht, um sich aus den Ketten seiner doch eher generischen Story zu befreien. Letztlich triumphiert zwar das Genre mit seinen vorhersehbaren Wendungen über Yildirims ästhetische Ausbruchsversuche. Aber für einzelne Momenten besticht »Boy 7« mit einer atmosphärischen Dichte und rasanten Dynamik, die durchaus Hoffnungen wecken.

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