Kritik zu Blue Jean

OmU © Salzgeber

Einfühlsam, ohne dabei die Augen für die Brutalitäten zu verschließen, porträtiert Georgia Oakley das schmerzhafte Coming-out einer Lehrerin in der repressiven Thatcher-Ära

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Die Homophobie schlägt ihr von allen Seiten entgegen: von riesigen Plakatwänden, aus überdrehten TV-Kuppelshows, in mahnenden Nachrichtenstimmen, selbst in harmlosen Gesprächen beim Sonntagsessen mit der Familie der Schwester, bei Plaudereien im Lehrerzimmer. Es ist das Jahr 1988 in Großbritannien. Eine Gesetzeserweiterung steht kurz vor der Verabschiedung. Sie untersagt die »Förderung der Homosexualität« durch lokale Behörden. Schulen stehen da an erster Stelle, schließlich sollen sie die Kinder nicht vom »richtigen« Weg abbringen. Jean (Rosy McEwen) ist Lehrerin – und sie ist lesbisch, eine Kombination, die sie zwingt, in zwei Welten zu leben, die sie so weit wie möglich voneinander getrennt hält. Es ist ein fragiles Konstrukt, wie Georgia Oakley im intensiven Drama »Blue Jean« erzählt.

Als Sportlehrerin ist Jean streng, aber beliebt. Sie will so viele Mädchen wie möglich in das Netball-Team bekommen, ihnen damit Selbstbewusstsein und Kraft geben. Zum Kollegium hält sie freundlichen Abstand, denn abends taucht sie in die Lesbenszene ab. Dort gilt die Neue als »die Lehrerin«, die ihren Platz noch nicht gefunden hat. Ihre Liebe zur energischen Viv (Kerrie Hayes) ist frisch, ihre Schwester hat noch das Hochzeitsfoto von Jean mit einem Mann auf dem Kaminsims stehen, von dem sie längst geschieden ist. Eines Abends trifft sie in einem Club ihre Schülerin Lois (Lucy Halliday), die zaghaft, doch viel entschiedener als Jean für ihre Sexualität einsteht. Jean warnt sie – und verrät sie. Die junge Lois wird für sie zur Bedrohung im Job, aber auch ganz persönlich. Denn sie ist es, die ihr zeigt, dass man sich nicht den Normen der repressiven Thatcher-Ära beugen muss, egal zu welchem Preis.

Oakley, die auch das Buch verfasste, beschreibt Jeans persönliche Befreiung, ihr Coming-out nicht als singulären Moment, sondern als einen täglichen, mühsamen und langen Kampf. Mit Rosy McEwen hat sie dafür eine großartige Darstellerin gefunden. Ihr ganzer Körper, ihre Gesichtszüge, sie erzählen von der ständigen Anspannung, einem Auf-der-Hut-Sein, von ihrer Beherrschtheit, der Bedrohung, die sie ständig verspürt. Winzige Details, ein kleines Muskelzucken im Gesicht, ein nervöses Augenflackern machen dies schmerzhaft deutlich. Jean ist keine Heldin, als Lehrerin sogar eine Antiheldin, die sich den Zwängen lange unterwirft. 

»Blue Jean« ist eindrückliches, vielschichtiges Historiendrama. Dazu trägt nicht nur die faszinierende Heldin bei. Ein fantastischer Soundtrack, 80er-Haarschnitte und -Jogging-Outfits, die Neonbeleuchtung im Lesbenclub: Regisseurin Oakley gelingt es auch atmosphärisch, die Zeit zurückzudrehen, ohne in plumpen Retro-Charme zu verfallen. Ausstattung, Musik und Spiel sind zurückhaltend-gedämpft und unterstreichen damit umso subtiler das politische, gesellschaftliche Klima. Ängstlich-verunsichert balanciert Jean zwischen ihren beiden Welten, bis sie sich doch für eine entscheidet. Der Film liefert das einfühlsame und zugleich brutale Porträt einer repressiven Zeit, die bis heute nachwirkt.

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