Kritik zu Blow

Trailer englisch © Verleih

Ted Demmes Biopic mit Johnny Depp: die Karriere eines Drogenbosses

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Als George Jung es längst geschafft hat, ein schwerreicher Mann zu werden, bringt er seinen alternden Vater zum Abschied an die Tür der Prachtvilla, vor der sich Luxuskarossen aufreihen. "Bist Du glücklich?", fragt der fürsorgliche, einfache Mann den Sohn im bunten Anzug mit den schulterlangen gefönten Haaren. "Ja", sagt George gedehnt und blickt an seinem Vater vorbei, "ja, ich glaube, ich bin glücklich. Im Moment jedenfalls." Doch im Hintergrund grollt ein Donner, die Tonspur weist voraus auf die nächste wilde Partyszene, wo sich George und seine falschen Freunde der Droge widmen, die sie alle reich und paranoid gemacht hat: Kokain oder "Blow" eben.

George Jung, wie Johnny Depp ihn spielt, war nie so recht glücklich. Nicht als kleiner Junge, als er Zeuge und Spielball der Auseinandersetzungen zwischen seiner hoffärtigen Mutter mit dem Hang zum Besseren und dem rechtschaffenen Ehemann war. Auch nicht, als er gemeinsam mit seinem dicken Freund Tuna der Bostoner Vorstadtenge in Richtung Kalifornien entflohen war. Dort an den Stränden südlich von L.A. finden sie Musik, jede Menge Mädchen, bunte Hemden und ein leichtes Leben. Sie sind jung, und alles ist einfach: Gras rauchen, später Gras verkaufen, sich verlieben in Barbara, eine der zahllosen Stewardessen, noch mehr Gras rauchen und noch größere Mengen verkaufen.

So beginnt sie, die Karriere des zu Beginn der achtziger Jahre größten amerikanischen Drogendealers, doch bereits mit nicht einmal 20 Jahren ist Depps George Jung ein mit skeptischer Sanftheit ausgestatteter Betrachter des Flowerpower-Gewoges um ihn herum. Weniger von einer durchgängigen Ambition, sondern von einem punktuellen, eher achselzuckenden Nutzen der günstigsten Gelegenheiten vorangeschoben, beginnt George einen florierenden Handel mit Marihuana, das er schließlich mit eigenen Flugzeugen von Mexiko aus entlang der amerikanischen Ostküste verdealen lässt. George ist jung, er ist verliebt, er ist cool, hat Freunde und Geld, was sogar die zickige Mutter beeindruckt, die beim gemeinsamen Abendessen den Brillantring an Barbaras Hand nahezu hysterisch bestaunt.

Doch Ted Demmes Film verwendet keine Zeit auf die Schilderung eines Idylls, das es ohnehin nicht gegeben hat. Er hat ein Leben zu erzählen, das Ende der sechziger Jahre immer mehr Fahrt aufnimmt, seine Ruhelosigkeit immer bunter ausstattet und den Blick auf das wahre Leben nur durch die bunten Gläser riesiger Sonnenbrillen zu werfen vermag. Und so läuft ein kleines rotes Rinnsal aus Barbaras Nase, die doch nur kifft und nicht kokst. Auch dies ein Donnergrollen, das Gewitter steht vor der Tür: George wird zum ersten Mal verhaftet und verurteilt, Barbara stirbt und mit ihr die Chance auf so etwas wie ein normales Leben in einer wilden Zeit.

Die Hoffnung geht, das Tempo bleibt. Die Hoffnung, so etwas wie eine Familie zu haben mit den eigenen Eltern und dann auch mit einer eigenen Frau, einem eigenen Kind. Die Freunde werden nicht zum Platzhalter dieser Hoffnung, dieser Sehnsucht. George ist loyal, ohne allzu enttäuscht auf mangelnde Loyalität zu reagieren. Oft wird er hintergangen von eben jenen Männern, die ihm vieles zu verdanken haben: Geld vor allem, aber auch das Überleben, denn George hat den Mut der Gleichgültigkeit. Er ist klug, weil er Zusammenhänge begreift und instinktsicher die richtigen Schlüsse ziehen und umsetzen kann. Und er ist zuverlässig. Das unterscheidet ihn von den größenwahnsinnigen Drogenbaronen in Kolumbien wie auch von den Protagonisten der hysterischen Konsumentenschickeria in den Metropolen. Ein Mann wie Pablo Escobar, der später ermordete Chef des Medellin-Kartells, begreift das beim ersten Blick in Georges Augen, nachdem der für Sekunden seine riesige goldumrandete Sonnenbrille abnimmt, als ultimative Geste des Vertrauens. Zwei Männer kommen einander näher, während im Hintergrund ein Dritter von Escobars Schergen hingerichtet wird. Wieder der Donner ... Demme bricht konsequent jeden Moment von Nähe und Zuversicht, durch Töne, Hintergrundbilder, symbolische Details oder einfach durch harte Schnitte: nur schnell raus aus der Szene, bevor sie Raum für Sentimentalität, für Intimität zuließe.

Die einzige Nähe die er aufbaut, dies allerdings mit unglaublicher Konsequenz, ist die zu seiner Hauptfigur George und dessen Abstand zum Glück. Ein sich stetig verbreiternder Abstand, den Demme in die Vertikale führt und somit eine immer bedrohlichere Fallhöhe schafft. Demme mit seiner Fähigkeit, in jeder Szene die nächste vorwegzunehmen und doch genau auf ihren Punkt zu führen und Johnny Depp mit der seinen, einen Mann nah und nahbar werden zu lassen, der selbst keine Nähe erfährt und selten nur zulässt - diesen beiden gelingt es gemeinsam, diesem biopic das Lineare, dem seine Erzählweise grundsätzlich folgt, auszutreiben.

George Jungs Leben ist im landläufigen Sinn filmreif, seine Person ist es ganz und gar nicht: ein freundlicher Mann, der von einer glücklichen Familie träumt, der nicht arm sein will, aber nicht reich sein muss. Ein ganz normaler Mann, dessen Sehnsucht nach dem kleinen Glück ihn in den Aberwitz einer Existenz als Drogenboss führt. Und ob er ganze Luxusvillen bis unters Dach mit Bargeld anfüllt, ob er von zugekoksten Lieferanten angeschossen oder von dem kolumbianischen Luxusgeschöpf, das er zu seiner Frau gemacht hat, ausgenommen wird: er bleibt sich und seiner Sehnsucht, lieben zu können und vielleicht geliebt zu werden, treu. Alles andere ficht ihn nicht an. Nicht wirklich. Das Verbrechen, der Wahnsinn, die Gefahr, das Geschäft mit der Sucht, der er selbst anheim fällt, der Verrat, die Partys – das ist alles nicht seine Welt. Obwohl er sie mitgestaltet, gehört er nicht dazu, er findet nur in ihr statt. Biografie, heißt es, ist Charakter plus Zeit, und so verwundert es nicht, dass diese Welt sich von ihm ablöst wie die vielen Looks der vielen Zeiten. Am Ende des Films, das die Mitte seines Lebens markiert, hat er einen kleinen Bauch wie sein müder Vater, sein flamboyantes Styling ist Achtlosigkeit gewichen. Aber so wie sein Vater die undankbare Mutter, so liebt er seine renitent desillusionierte Gattin und vor allem die gemeinsame Tochter Kristina. Sie nicht zu enttäuschen, bleibt das einzig Wesentliche in einem Leben, das andere als verpfuscht sehen mögen, er nicht, solange ihm die Liebe seiner Tochter gewiss bleibt.

Bis zum Schluß gibt es keine Szene ohne Johnny Depp und keine Szene ohne guten Grund. »Blow« ist ein großer Wurf. Ein grundtrauriger Film, der den Abstand seines Helden zum Glück randvoll auflädt, mit buntem, flirrendem Tand zum Glitzern bringt: jeder Darsteller eine Wonne, jedes Outfit ein Rufzeichen, jede Episode eine kunstvolle Miniatur. Ein Film, der seine Traurigkeit solange unter perfektem Styling versteckt, wie George es eben auch tut. Am Ende ist er gescheitert an dem einen, dem einzigen Punkt, auf den es ihm ankam. Er hat als Vater versagt. Ein trauriges Leben, aber ein Film, der glücklich macht, weil er uns einlädt zu, Sehen und Verstehen.

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